Sonntag, 30. März 2014

Wir Sind Helden „Nur ein Wort“



In den letzten Wochen habe ich an dieser Stelle einige Texte kritisch auseinander genommen. Ich wurde daraufhin gefragt, ob ich es denn richtig fände, Kollegen in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Dazu muss ich sagen, dass wir Kollegen uns freiwillig in diese Öffentlichkeit begeben. Wer die Hitze nicht vertragen kann, sollte nicht in die Küche gehen sagt der Volksmund. In einer Zeit, in der Amazonkritiken wichtiger sind als Werbeanzeigen und in der jeder, jede Nachricht kommentieren kann, halte ich es für absolut gerechtfertigt, konstruktive und öffentliche Kritik zu üben.
Mir geht es dabei gar nicht so sehr um die Künstler, deren großer Erfolg durch meine Besprechung nicht kleiner wird, es geht mir mehr darum, wie wir Texte verstehen und was wir entdecken, wenn wir genauer hinschauen. Und weil Kritik auch zur Abwechslung positiv ausfallen sollte, wird es heute lobende Worte geben.

Der aktuelle Bandname von „Wir Sind Helden“ lautet zur Zeit „Wir Waren Helden“. Nach einbrechenden Verkaufszahlen und innerbetrieblichen Verwerfungen tauchte die Band ab. Aktuell versucht Sängerin Judith Holofernes mit einem Soloalbum an alte Erfolge anzuknüpfen. Auch wenn ich den leicht nöligen, immer etwas schiefen Gesang von Judith nicht so mag, so habe ich doch Respekt vor ihrem lyrischen Talent.
Dass man bei ihr genauer hinhören darf zeigt sich schon in ihrem Pseudonym. Bürgerlich heißt die Berlinerin Judith Holfelder von der Tann. In den apokryphen Schriften des Alten Testaments findet sie eine Judith, die den assyrischen Feldherrn Holofernes betört und enthauptet. Daraus einen Künstlernamen zu generieren ist, gelinde gesagt, originell.

In dem Text „Nur ein Wort“ geht es um etwas sehr Irdisches, geradezu Profanes, denn sie baggert jemanden an, würde sich verführen lassen, aber er bleibt stumm, zeigt keinerlei Initiative. Damit ist, was die Interpretation betrifft, alles gesagt. So zeigt der Text auch, dass es Songs gibt, die nicht den Anspruch haben, uns die Welt zu erklären und/oder sie zu retten.

Ich sehe, dass du denkst
Ich denke, dass du fühlst
Ich fühle, dass du willst
Aber ich hör dich nicht, ich


Alles beginnt mit einer Reihe, die uns ziemlich charmant und beiläufig in das Lied zieht. Das lyrische Ich sieht, denkt und fühlt, dass da was geht beim Gegenüber, aber der erste Schritt, ein erstes Wort bleibt aus.
So etwas wie das überhängende „ich“ am Ende der vierten Zeile denkt man sich nicht am Schreibtisch aus, das kommt mit der Musik und bindet den zweiten Teil der Strophe flüssig an den ersten (dafür gibt es sogar einen literaturwissenschaftlichen Ausdruck: Enjambement oder Zeilensprung).

(ich) Hab mir ein Wörterbuch geliehen
Dir A bis Z ins Ohr geschrien
Ich stapel tausend wirre Worte auf
Die dich am Ärmel ziehen


Ist es jemandem aufgefallen? In den ersten vier Zeilen gibt es keine Substantive und keinen Reim. Ab jetzt wird gereimt was das Zeug hält und Substantive gibt es auch, denn sie sind unverzichtbare Leuchttürme im Text. Beim Reimschema entscheidet sich die Texterin für a, a, b, a. Diese nicht ganz gewöhnliche Form hält sie im weiteren Verlauf durch und weicht nur in der Bridge vor dem Refrain davon ab (klassisch a, b, c, b), so dass der Text auch strukturell recht komplex ist, ohne angestrengt zu wirken.
Inhaltlich übernimmt das lyrische Ich nun die Initiative - aber richtig. Ganz nebenbei gibt es noch eine schöne Alliteration (wirre Worte) und ein tolles Bild oben drauf, denn jemandem mit Worten am Ärmel ziehen ist schönes Kopfkino.

Und wo du hingehen willst
Ich häng an deinen Beinen
Wenn du schon auf den Mund fallen musst
Warum dann nicht auf meinen


Frau Holfelder von der Tann bürstest gern stehende Redewendungen gegen den Strich. Das schafft Dynamik und eine gewisse, gewollte Komik. Jemandem an den Beinen, statt am Rockzipfel zu hängen ist schon witzig, aber die Redewendung „nicht auf den Mund gefallen“ in „auf den Mund gefallen“ umzumünzen und dann rollig zu fragen „warum dann nicht auf meinen?“ ist schon sehr elegant.

Oh bitte gib mir nur ein Oh
Bitte gib mir nur ein Oh
Bitte bitte gib mir nur ein Wort
(gekürzt)

Auf die Gefahr hin heute sehr wissenschaftlich zu sein: „Oh“ gehört zu den Interjektionen. Diese Ausrufe- oder Empfindungsworte stehen auf der untersten Ebene unserer Sprache. Da muss das lyrische Ich schon sehr verzweifelt sein, sich damit zu begnügen. Ich kann mich an keinen Popsong erinnern, der eine solche Situationskomik so knapp einfängt.

Es ist verrückt, wie schön du schweigst
Wie du dein hübsches Köpfchen neigst
Und so der ganzen lauten Welt
Und mir die kalte Schulter zeigst

Der Anfang der zweiten Strophe kommt sauber gereimt daher (a, a, b, a), auch hier wird eine stehende Redewendung verwurstet, wenn auch nicht so originell wie oben, aber die Latte liegt jetzt schon verdammt hoch.

Dein Schweigen ist dein Zelt
Du stellst es mitten in die Welt
Spannst die Schnüre und staunst
stumm
Wenn nachts ein Mädchen drüber fällt

Muss man das kommentieren? Hier löst sich Judith Holofernes von jeder bekannten Phrase, jeder stehenden Redewendung und brilliert mit einer kreativen Metapher. Auch hier a, a, b, a und einmal mehr das Mittel der Alliteration, welches weiter gefasst die ganze dritte Zeile dominiert (spannst Schnüre, staunst stumm).

Zu deinen Füssen red ich mich
Um Kopf und Kragen
Ich will in deine tiefen Wasser
Große Wellen schlagen


Hier gelingt es der Texterin noch einmal, eine stehende Redewendung (stille Wasser sind tief), aufzugreifen. Große Wellen will das lyrische Ich darin schlagen. Es folgt der Refrain.

Popsongs haben ziemlich eingefahrene Strukturen, da machen auch „Wir Waren Helden“ keine Ausnahme, weswegen es dann nach einem einfachen musikalischen C-Part noch einmal in die Bridge und dann in den Refrain geht. Es spricht für die Texterin, dass sie keine Zeilen wiederholt, sondern für die Bridge noch einmal mit vier weiteren originellen Zeilen punktet:

In meinem Blut werfen
Die Endorphine Blasen
Wenn hinter deinen stillen
Hasenaugen die Gedanken rasen

Können Endorphine Blasen werfen? Nein. Stört mich das? Nein. Wirkt der Reim “rasen“ auf „Blasen“ aufgesetzt? Nein, ich finde nicht.

Fazit: Was so locker improvisiert scheint und beiläufig ins Mikro genuschelt wird ist handwerklich gut gemacht und mit intelligenten Einfällen gespickt.



Kommentare:

  1. Diese Kritik kann ja mal locker von den des Reich-Ranicki in der FAZ mithalten :D
    LG

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  2. Schön, dass jemand, der sich auszukennen scheint, meine Meinung zur Band und insbesondere diesem Lied teilt!
    Würd' mir mal das Auseinandernehmen der Texte von "Ich&Ich" wünschen... :-)

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