Samstag, 9. September 2017

Costa Cordalis „Anita“

Eine gute Freundin von mir, die Kabbarettistin und Autorin Tajana Meissner, ist bekennende Leserin meiner Textkritiken. Für ihr aktuelles Buch "Du willst es doch auch" hatte sie mich vor einiger Zeit gebeten, mir zum Thema Sex im Schlager Gedanken zu machen. Ich fand, wonach ich nie gesucht hätte.

Der deutsche Schlager, ein Hort des Guten, Abbild unserer Welt, wie sie sein sollte, Texte, die an das Harmonie- und Glücksverlangen in uns allen appellieren, sauber, anständig, heil? 
Es lohnt sich einmal genauer hinzuschauen, denn spätestens seit die Comedian Harmonists 1930 Veronika wissen ließen, dass im Frühling der Spargel wächst, ahnten wir, dass hinter der polierten Fassade typisch deutscher Unterhaltungsmusik der Schmutz lauert. Heutige Schlagerstars machen sich kaum noch die Mühe, die sexuellen Bekenntnisse in ihren Liedern zu verschleiern. So singt Andrea Berg in „Zauberer wie du“: „Du kommst rein und ich könnt vor Freude schrei´n...“ und Beatrice Egli trällert ungeniert: “Ich will's 1000 mal und nur mit dir, bis nichts mehr geht...“. Aber auch schon in den siebziger Jahren ließen es vor allem die Herren gern krachen, denn man schnackselte im Kornfeld, ließ sich mit 17 von einer 32 jährigen entjungfern und ging zu ihr, um den Drachen steigen zu lassen.
Es geht aber auch kryptischer und deshalb schauen wir bei „Anita“ von Costa Cordalis etwas genauer hin und graben tiefer als es den Autoren vielleicht lieb ist. Hinter dem Text steckt übrigens wieder einmal ein studierter Germanist, Jean Frankfurter, der eigentlich Erich Ließmann heißt.

Ich fand sie irgendwo,
allein in Mexiko.
Anita, Anita.

Stopp. Das ist schon gleich sehr verdächtig. Wir alle wissen, dass der kürzeste Weg nach Mexiko von San Diego nach Tijuana führt, da kann man sein Auto an der Grenze stehen lassen und zu Fuß in Mexikos größtes Zentrum für illegale Drogen und Prostitution hinüber gehen. Und woher wissen wir, dass es kein Auto gibt? Es steht im Text, wie wir sehen werden, denn in diesem Lied wird nur geritten. Demnach steh also Anita nicht irgendwo, sonder höchstwahrscheinlich an einer Hausecke in Tijuana, wo sie ihrem Gewerbe nachgeht.

Schwarz war ihr Haar,
die Augen wie zwei Sterne so klar.
Komm' steig auf dein Pferd, sagte ich zu ihr
Anita, Anita.

Schwarze Haare sind in Lateinamerika praktisch Standard auch Shakira war nicht immer blond. Anitas Augen funkeln wie Sterne, was auf die Einnahme von illegalen Alkaloiden, besser bekannt als Kokain, schließen lässt. So weit, so gut, dass die Dame nun gleich auf ein Pferd steigen soll, um zu reiten, wäre wenige Kilometer weiter, in good old USA, strafbare Anstiftung zu unsittlichem Verhalten.

Fiesta ist heut',
die Stadt ist nicht mehr weit,
mach dich schnell bereit.
Ich seh dir an,
da schlummert ein Vulkan,
du wartest auf die Liebe.
Ich will sie wecken
und alles entdecken
was keiner bisher sah, ohohoho.

Ohohoho. Nun, das ist keine Onomatopoesie, das ist pure Geilheit. Das lyrische Ich möchte eine Fiesta feiern, wobei Fiesta nicht nur Fest sondern auch Liebkosung bedeuten kann, Anita muss sich schnell bereit machen, denn der Freier, Verzeihung, das lyrische Ich will entdecken, was keiner bisher sah. Wenn er, Verzeihung, da mal nicht enttäuscht wird.

Reite wie der Wind,
bis die Nacht beginnt
Anita, Anita.

Inzwischen dürften den letzten Schlagerfans, die an die heile Welt geglaubt haben, die Argumente ausgehen.

Dann sind wir da
und jeder soll es sehen,
wie wir uns verstehen.
Musikanten herbei,
spielt ein Lied für uns zwei.
Bei Musik und bei Wein,
woll'n wir heut' glücklich sein.

Musik und Wein gehören sicherlich nicht zu den illegalen Drogen, aber Anita wurde ganz offensichtlich für die ganze Nacht gebucht und das lyrische Ich zieht nun die ganz große Nummer ab und zeigt stolz seine Begleitung herum, um Eindruck zu schinden. Das könnte gefährlich werden.

In Mexiko,
denn nur bei dir allein,
will ich immer sein.
Um uns herum,
da sassen sie ganz stumm
und machten große Augen.
Die Companeros
mit ihren Sombreros
denn nun gehörst du mir, ohohoho.

Das mag dem Touristen ja so vorkommen, in Wahrheit werden die Companeros gedacht haben, dass da wieder so ein dämlicher Sommerfrischler drauf und dran ist, auf die Verlockungen von Tijuana hereinzufallen, nur um am nächsten Morgen hinter einer Wellblechbaracke mit Kotze am Kinn, ohne Hosen aufzuwachen.

Heute ist die Nacht
nicht zum schlafen da.
Anita, Anita.
Denn so ein Fest
gab es noch nirgendwo,
hier in Mexiko.
Musikanten herbei,
spielt ein Lied für uns zwei.
Bei Musik und bei Wein,
woll'n wir heut' glücklich sein.

Genau. So ein Fest gab es noch nirgendwo denkt der Tourist, die Companeros kichern und mischen K.o.-Tropfen in den nächsten Drink und warten auf den Blackout.

An dieser Stelle soll unnotwendigerweise darauf hingewiesen werden, dass der Name Anita die Bedeutung „die Begnadete“ hat und Konstantinos, dessen Kurzform Costa ist, nichts anderes als „der Standhafte“ bedeutet. Ein Zufall? Nein, Germanisten schlagen so etwas nach.

Ich bau für uns ein Nest,
wo 's sich leben lässt.
Anita, Anita.
In Mexiko,
denn nur bei dir allein,
will ich immer sein.

Ja, klar. Ich sehe das lyrische Ich bildlich vor mir, wie es mit glasigen Augen, sabbernd der bezahlten Begleitung eine Liebeserklärung unterbreitet, während sie ungeduldig darauf wartet, dass der Freier endlich unter den Tisch rollt, wo ihn dann die Companeros mit den Sombreros einsammeln werden, um ihn hinter das Haus zu tragen. Dieses Fest wird er so schnell nicht vergessen. Ohohoho.

Fazit: Deutscher Schlager kann so lehrreich sein: Trefft Ihr irgendwo in Mexiko eine Dame, die reiten kann, nehmt Euch in acht vor den Companeros mit den Sombreros.

Mittwoch, 9. August 2017

Amanda „Blau“


An dieser Stelle ist eine Weile nichts passiert. Deutsche Texte sind in der Zwischenzeit nicht besser geworden, aber irgendwie fehlte mir der rechte Aufreger, um mich an die Tastatur zu setzen. Ein Entwurf zu Max Giesingers 80-Millionen-Hit hatte ich schon in der Schublade, als Jan Böhmermann mit „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ in genau diese Kerbe schlug und mit seinem von Schimpansen „geschriebenen“ Text das ganze Elend der aktuellen Deutschpoeten gehörig teerte, federte und durchs Dorf jagte.

Wieder einmal war es dann der kurz-vor-neun-Musikakt im Frühstücksfernsehen des ZDF, der mich auf den hier anhängigen Text aufmerksam machte. Eine Künstlerin namens Amanda performte das billige Imitat von etwas, das offensichtlich als Sommerhit konzipiert wurde.
Der wieder einmal erhellende Blick in die GEMA Datenbank brachte eine erstaunliche Anzahl von beteiligten Künstlern ans Licht und ich kann nicht anders, ich muss darauf eingehen.

Nr. 1: Murray, Amanda Nenette
Die Interpretin selbst hat also mitgeschrieben. Ihre Biografie erwähnt ein frühes Talent, welches schon im zarten Alter von acht Gedichte und Geschichten hervorzauberte. Das coole Altsaxophon und späteres Gitarrenspiel, welches angeblich mit Leidenschaft betrieben wurde, ebneten den Weg zum Hip-Hop, dessen deutsche Szene sie zunächst unter dem Künstlernamen She-Raw bereicherte. Ein Job als Radiomoderatorin brachte sie den ganz Großen der Musikszene näher, mit gravierenden Folgen für ihre Karriere und die deutsche Musiklandschaft.

Nr. 2: Bauss, Christoph
Künstlername Shuko, ist ein deutscher Hip-Hop und Pop Komponist und Produzent, mit anderen Worten: der Mann für die Beats.

Nr. 3: Geldreich, Michael
Dieser Mainzer Musikproduzent mit dem genialen Nachnamen scheint vor allem für die Noten zuständig gewesen zu sein, immerhin studierte er Klavier und Bass und leitet seitdem sein eigenes Musikproduktions-Studio und ist Gründer des elektronischen Jazz-Projekts "Rufus Dipper".
Michael schrieb und produzierte unter anderem schon Musik für Felix Jaehn, Cro, Milow, Mark Forster, Herbert Grönemeyer, Julian Perretta, Rufus Dipper und Leslie Clio.

Nr. 4: Kalmbacher, Julius
In frühen Jahren bekam er Unterricht am Klavier und an der Gitarre. Später kam Gesangsunterricht hinzu. Nach dem Abitur studierte er zunächst Musikwissenschaften an der Universität Heidelberg, sattelte aber später auf die Popakademie Baden Württemberg um. Seit 2012 betreibt er als Musikproduzent ein eigenes Tonstudio in Mannheim innerhalb der Naidoo Herberger Tonstudios. Er komponiert Filmmusik, schreibt Songs und spielt in verschiedenen Bands.

Nr. 5: Ćwiertnia, Mark
Besser bekannt als Mark Forster, Hitsänger aus Leidenschaft, Liebling der Medien, Freund der Kinder.

Nr. 6: Würdig, Paul
Der Welt auch bekannt als Sido, über dessen Künstlernamen verschiedene Geschichten kursieren, von denen eine besagt, er bedeute „super-intelligentes Drogenopfer“, er könnte aber auch für „Scheiße in dein Ohr“ stehen. Der mündige Leser möge selbst entscheiden.

Man stelle sich diese geballte Macht an Talent und Erfahrung in einem Raum vor! Christoph schmeißt den Drumcomputer an (96 BPM), Michael und Julius setzen sich vierhändig ans Klavier, Mark und Paul zücken die Stifte, rappen und singen spontan über den Frust der kleinen Leute, die unter der Knute eines widerlichen Chefs bei der Büroarbeit schwitzen müssen, wo doch draußen der Himmel so schön blau ist. Und Amanda bläst dazu versonnen ein paar Melodiebögen auf ihrem Altsaxophon. Plötzlich ist Magie im Raum, alle sehen sich an, ein Strahlen breitet sich auf ihren Gesichtern aus. Eben wurde Musikgeschichte geschrieben und wahrscheinlich auch eine Menge Geld verdient.

Ich glaub', ich bin sprunghaft
Ich mach' gern Neues und das jeden Tag
Ich leb' von Luft und Liebe
Ich komm' auch ohne viel Kohle klar

Wenn man nichts zu sagen hat, geht man auf Nummer sicher, wenn man mit einem fetten Klischee beginnt. Ich bin so spontan, geradezu sprunghaft, probier gern Neues aus. Ja, und Kohle bedeutet mir gar nichts, ich brauch nur Luft und Liebe. Käme noch Wasser hinzu, wäre es eine astreine Fastenkur. Ohne Wasser dürfte nach drei Tagen das Licht ausgehen, aber wenigstens wurde man geliebt, wahrscheinlich von seinen Hörern.

Und Mister Chef sagt: „So läuft's nicht!
Streng dich an, denn Arbeit muss sein!“
Doch ich bin gegen Regeln allergisch
Will mich entfalten und einfach ich bleiben

Wie soll das gehen? Sich entfalten und gleichzeitig einfach man selbst bleiben? Ist nicht Veränderung das, was unser Leben bereichert, vor allem wenn man gern Neues macht, und das jeden Tag?
Schuld ist ja vor allem Mister Chef. Arbeit muss sein? Was für'n Blödmann, sieht der denn nicht, dass man gegen Regeln allergisch ist? Zehn Gebote, vor dem Essen Hände waschen, Kinder nicht vor den Bus schubsen – nicht mit diesem lyrischen Ich.

Montag bis Freitag immer das Gleiche
Immer nur ackern – nein, Mann, es reicht jetzt!
Ich will nicht warten auf'n Feierabend
Will lieber los und gleich was starten

Genau! Wer hätte dafür nicht Verständnis, wenn die Müllabfuhr mal nicht kommt, der Chirurg mitten in der Operation das Skalpell fallen lässt, die Berliner Szenekneipe am Samstag geschlossen bliebe.

Komm, sei doch ehrlich!
Du bist wie ich, du hast auch kein'n Bock
Also lass geh'n!
Mach Stopp!

Moment! Jetzt werden wir alle mit verhaftet. Das lyrische Ich ruft zur Anarchie auf. Ist das schon Volksverhetzung? Nein, natürlich nicht. Zitat Pressetext: eine Hommage an das Blaumachen und Laissez-faire.

Hey! Guck, der Himmel ist blau
Komm, das machen wir auch

Das war die magische Zeile, die, die das Leuchten in die Gesichter zauberte. Was für ein herrliches Wortspiel, welch zauberhaftes Bonmot! Für meinen Geschmack etwas holprig, denn das Blau des Himmels ist ein Zustand und wenn wir Menschen auch blau sein wollten wie er, wären wir nach stehender Redewendung besoffen.
Blau machen“ wiederum kommt von den Färbern. Die legten die Stoffe, die sie färben wollten, am Sonntag in ein Färbebad. Montags wurde die gefärbte Wolle dann aus dem Bad genommen und an der Luft getrocknet. Die besondere Farbe, die damals verwendet wurde, zeigte eine chemische Reaktion mit der Luft und wurde blau. Während die Wolle an der Luft trocknete und blau wurde, hatten die Färbergesellen nichts zu tun, also konnten sie ganz in Ruhe "blau machen" - und zwar die Wolle.

Mann, dein Laptop ist grau
Klapp ihn zu! Mach ihn aus!
Guck, der Himmel ist blau
Komm, das machen wir auch

Der Laptop ist grau...“ Über diese Zeile habe ich lange nachgegrübelt. Entsprechende Modelle, wie sie im Studio erfolgreicher Hitproduzenten herumstehen, sind in der Regel silber und haben ein Osbstlogo. Der einzige Grund für ein Modell in grau ist also der Wunsch, einem Reim zu produzieren. Warum das so wichtig ist? Es ist nach Bock/Stopp erst der zweite reine Reim im ganzen Text. Tusch!

Ich glaub', man muss sich nur trau'n
Tür auf und raus und
Blau! Bla-blau!
Bla-blau! Bla-blau!

Hier zeigen die Jungs und die Künstlerin zum ersten Mal wirklich Klasse: Mit dem Kunstgriff, den Songtitel Blau mit dem onomatopoetischen Blabla zu verbinden, gelingt ihnen ein pfiffiger, wertvoller Beitrag zur Kritik am heutigen Pop-Geschäft, welches sie allesamt heimlich verachten. Hier wird echte Haltung gezeigt und dem bisher eindimensionalen Text eine weitere, sehr viel tiefere Ebene hinzugefügt. Respekt.

Mein Gott, mein Kopf
Ich würd' gern abschalten, doch ich finde kein'n Knopf
Ich hab' kein'n Bock, aber keine Zeit
Und in der Mensa gibt's schon wieder diesen Einheitsbrei
,Warum heute?‘, denkt mein Körper sich
,Warum mach' ich das? Warum surf' ich nicht?
Warum sitz' ich hier und schwitze bis in jede Ritze?
Ich wär' lieber draußen bei der Hitze!‘
Okay, ich klapp' den Laptop zu
Ich mach' Feierabend – jetzt kommst du!
Mein Chef: „Das geht nicht!“, ich sag': „Na, dann pass auf!“
Ich bin kein Maler, doch ich mach' blau

Interessant, dass nicht nur der Interpret von Amanda zu Sido wechselt. Auch das lyrische Ich ist jetzt ein anderes, denn während in der ersten Strophe im Büro geschwitzt wurde befinden wir uns jetzt offensichtlich in einer höheren Schule, denn nur dort gibt es eine Mensa (verkürzt aus mensa academica „Universitätsmittagstisch“ von lateinisch mensa „Tisch, Tafel“) und graue Laptops.
In dieser Strophe wird zumindest etwas gereimt, die Klasse eines Sido lässt sich eben nicht verleugnen.
Ich sitze in der Hitze und schwitze bis in jede Ritze. Und dann lagen wir auf der Veranda übernanda.

Der Rest des Songs – wie üblich bei diesem Format – ist Refrain und (systemkritisches) Blabla.

Fazit: Hätten die sechs an diesem Song beteiligten Künstler doch an diesem Tag nur blau gemacht!

Dienstag, 19. April 2016

Christina Stürmer „Ich lebe“


Mit „Ich lebe“ fing für Christina Stürmer 2003 alles an. Die junge Sängerin wurde in diesem Jahr zwar nur Zweite in der österreichischen Castingshow Starmania, aber für einen Plattenvertrag reichte es trotzdem. Die hier zu besprechende Single ging in Österreich durch die Decke und belegte dort neun Wochen hintereinander den ersten Platz. In Deutschland wurde das Lied erst zwei Jahre später veröffentlicht, sorgte aber auch in Deutschland dafür, dass Christina der Weg für eine beachtliche und andauernde Karriere geebnet wurde. 2006 bekam sie dafür sogar den Echo Künstlerin Rock/Pop National und nur ein Schelm würde an dieser Stelle fragen, ob in den Büros der Plattenindustrie noch Karten von Deutschland in den Grenzen von 1942 hängen.
Den Song „Ich lebe“ habe ich sicherlich schon oft gehört und wie es bei fluffigen Kompositionen dieser Art oft ist, habe ich nie wirklich auf den Text geachtet. Auf der Suche nach neuem Material für meine Textkritiken fiel mir dann irgendwann auf, dass der Text es in sich hat. Ein kurzer Blick in die GEMA Datenbank verrät, dass hier drei Komponisten eingetragen sind, die auch alle als Textdichter aufgeführt sind, plus ein zusätzlicher Texter. Viele Köche also.

Es lohnt sich, zunächst weiter unten den Refrain zu betrachten. Die erste Zeile „Ich lebe, weil du mein Atem bist“ bildet den Kern der Textidee. Der Refrain endet mit den Worten „Du bist für mich mein zweites ich. Ich lebe.“ Damit wird eine saubere Klammer geschlossen. Im Refrain stehen bekanntlich die wichtigen Sachen. Wir haben es also mit einem Text zu tun, in dem das lyrische Ich eine Abhängigkeit von einem Partner propagiert. Der Text versucht allerdings, den Rahmen eines simplen Liebesliedes zu sprengen. Die Texter vollziehen den Schritt von der Abhängigkeit zur Sucht. Das Lied enthält einige seltsame, negative Konnotationen, die an einigen Stellen – zumindest bei mir – für gehörige Verwirrung sorgen. Man hat die Künstlerin Christina Stürmer offensichtlich als junge Frau inszenieren wollen, die voller Widersprüche steckt und sich gängigen Klischees entzieht.

Du bist die Qual
Ich war schon immer Masochist
Bringst mir kein Glück
Ich bin und bleibe Pessimist
Schmeckst bittersüss
Saugst mich aus wie ein Vampir
Ich bin verhext
Komm einfach nicht mehr los von dir

Solch ein Aneinanderreihungstext ist für einen Texter eine höchst dankbare Aufgabe. Es reicht eine Grundidee, die man nur durchdeklinieren muss. Allerdings ist die Deklination hier ein holpriges Thema. Es werden Paare gebildet, die alle unter dem Dach Beziehung/Abhängigkeit/Sucht funktionieren sollen.
Beim ersten Paar wird ein abstrakter Begriff auf eine Person übertragen. Abstrakte Begriffe sind tückisch, denn weil sie abstrakt sind, lassen sie sich nur sehr schwer auf Dinge oder Personen übertragen. Hausaufgabe: Bilde Paare mit Freiheit, Schicksal, Zweifel, stelle dir die Qual als Person vor.
Da funktioniert das zweite Paar schon besser, denn der Partner ist nun nicht das Glück, nein, er bringt es nicht mit und das passt gut zum Pessimisten.
Die dritte Paarung geht dafür meiner Meinung nach voll nach hinten los. Wieso weiß das lyrische Ich, dass der Problempartner bittersüß schmeckt, wenn der doch der Vampir ist, der am lyrischen Ich saugt? Antwort: Das lyrische Ich ist auch ein Vampir. Klar. Und es klebt verhext (Bibi Blocksberg, Hogwarts und Baba Jaga lassen grüßen) am Problempartner.

Ich lebe
Weil du mein Atem bist
Bin müde
Wenn du das Kissen bist
Bin durstig
Wenn du mein Wasser bist
Du bist für mich mein zweites Ich
Ich lebe

Auf die Klammer (Anfang und Ende des Refrains) habe ich schon hingewiesen. Dazwischen finden wir – wie in der Strophe – weitere Paarungen. Was mich stört ist die Wenn-Konstruktion, bei der die Kausalität ausgehebelt wird. Es wäre ja schön, wenn der Partner das Kissen ist, wenn man müde ist, oder das Wasser, wenn man Durst hat. Aber wieso ist man müde wenn der Partner das Kissen ist? Der ein oder andere wird sagen: Stört mich nicht, ich verstehe was gemeint ist. Derjenige müsste aber auch folgende Logik akzeptieren: Ich habe Durchfall, wenn du das Imodium akut bist.

Du bist das Gift
Doch das Gegengift wirkt gegen mich
Du bist das Geld
Ich geb dich aus es lohnt sich nicht
Du bist der Rausch
Und ich will noch mehr Alkohol
Du bist die Welt
Wo Schatten Licht gefangen hält

Inzwischen dürften alle verstanden haben, worauf ich hinaus will. Wenn man die Zeilen genau liest und auf ihre Alltagsbelastbarkeit hin überprüft, schleichen sich Falten auf die Stirn und das ist nicht gut für jugendlich frisches Aussehen. Am besten gefällt mir, dass der Partner die Welt ist, wo Schatten Licht gefangen hält. Die Schlüsselwörter klappern hier wieder einmal schön aufgeregt durcheinander und wenn man so etwas nebenbei hört könnte man fast denken es wäre Poesie. Leider ist es nur sinnentleertes Geschwurbel.

Ich steh' hier allein, gedankenleerer Horizont
Du bist verliebt – wie schön für dich, warum sagst du's nie

Nach einem zweites Refrain kommt ein schöner C-Part. Entweder wurde der im Studio von Christina selbst improvisiert oder es war schon spät und man hatte sich an der ganzen Pseudopoesie schon so verausgabt, dass es nur noch für das grundsolide „ich stehe hier allein“ reichte. Und was macht man wenn man allein ist? Man schaut auf einen gedankenleeren Horizont, von dem nur Komponisten/Texter wissen, was das bitte sein soll. Ich vermute es befand sich zu diesem Zeitpunkt in ihren Köpfen: Ein geistiger Horizont, leer von irgendwelchen originellen Gedanken.
Die Zweite Zeile ist erfrischend echt und lebensnah und damit seltsam fremd in diesem Text.

Komm lebe
Weil ich dein Atem bin
Sei müde
Wenn ich dein Kissen bin
Sei durstig
Wenn ich dein Wasser bin
Ich bin für dich dein zweites Ich

Ich lebe, bin müde, bin durstig,
Du bist für mich mein zweites Ich

Wie es sich für ein waschechtes zweites Ich gehört kann alles was bisher gesagt wurde auch gespiegelt werden. Auf diesen Kunstgriff wollte das Autorenteam nicht verzichten.

Fazit: Das Verhältnis von lyrischen Ich und Problempartner ist den ganzen Song über schwierig. Schwierig im vermeintlich echten Leben, von dem der Text abgeschaut sein soll und schwierig in der Interpretation.

Samstag, 30. Januar 2016

Tagträumer „Tagträumen“

Die moderne Psychologie hat die Tagträume vom Image der Realitätsverweigerung oder der bloßen Langeweilebewältigung befreit. Tagträume sind eine Reise in unser Innerstes: in die Parallelwelt der Reflexionen, Bilder, Erinnerungen, Vorstellungen und Wünsche.
Eine junge Band aus Österreich, um den Castingshow erprobten Burgenländer Sänger und Songschreiber Thomas Schneider, hat sich mit diesem Thema beschäftigt und auch einen entsprechenden Bandnamen generiert. Schauen wir, was wir im Innersten von Thomas finden werden:

Wir träumen von 'nem Haus am Strand,
mit 'nem Bootsteg am Meer,
von einem Ort, an dem uns niemand etwas tut,
irgendwo geheim versteckt,
niemand findet uns hier,
weil man am Globus danach auch vergeblich sucht.

Wie originell. Wobei man nicht vergessen darf, dass die Alpenrepublik Österreich nun einmal keine Küste hat. Das nächste Meer ist rund 500 km weit weg, wobei die Orte an der Adria eher weniger versteckt liegen, was uns vermuten lässt, dass das lyrische Ich noch viel, viel weiter weg will. Liegt es an einer österreichischen Besonderheit, dass man dort etwas am Globus sucht? In Deutschland findet man da nämlich gar nix, wenn, dann findet man etwas auf dem Globus. Ich bitte um Aufklärung.
Reime? Fehlanzeige. Tut/sucht kann man nur mit sehr großem Wohlwollen als Assonanz durchgehen lassen. Um das Thema für den Rest des Textes abzuhaken: Wir finden drei armselige Reime im ganzen Lied.

Wir träumen von 30 Grad im Schatten
mitten im Dezember und etwas Schnee mitten im Sommer wäre cool.
Wir wollen das, was wir nie hatten,
logisch das will jeder Mensch und
doch dafür muss jeder Mensch auch etwas tun.

Dreißig Grad im Dezember ist gar nicht schwer. Kapverden, Thailand, Maledieven, die Auswahl ist groß. Zu beachten ist allerdings, dass eine Maßgabe in der ersten Strophe lautete „ein Ort, an dem uns niemand etwas tut“. In diesem Breiten treibt sich nämlich eine Menge Ungeziefer herum. Die Tigermücke zum Beispiel überträgt das Dengue Fieber, welches einem echt den Tag versauen kann. Schnee im Sommer? Wer's braucht...
Der zweite Teil der Strophe wird dann geradezu philosophisch: Wir Menschen wollen immer das, was wir gerade nicht haben. Sind wir arm wollen wir Reichtum, sind wir reich wollen wir... Nun, ähm, das sollte noch einmal überdacht werden.
Schön jedenfalls, dass so junge Menschen wie die Musiker von Tagträumer wissen, dass man für seine Wünsche etwas tun muss. Nämlich:

Wir dürfen nur nicht aufhören zu träumen,
nicht aufhören zu leben,
nicht aufhören zu träumen.

Die Menschen dürfen nur nicht aufhören zu träumen,
nicht aufhören zu leben,
nicht aufhören zu träumen.

Jetzt rutscht es endgültig ins Banale. Xavier Naidoo träumte wenigstens noch von einer besseren Welt. Alles, was man mit einem Traum-Wunsch-Lied originelles hätte anfangen können („ich hab zwanzig Kinder, meine Frau ist schön, alle komm'n vorbei, ich brauch nie rauszugehen“, Peter Fox hat es vorgemacht), wird krachend an die Wand gefahren. Die Menschen dürfen nicht aufhören zu leben? Klar, sonst sterben sie.

Wir träumen einfach am Tag,
mit offenen Augen, in der Bar, im Job, in der U4.
Wir träumen da, wo wir wollen,
da, wo wir glauben der Traum wird hier realisiert.
Wir träumen einfach am Tag,
einfach am Tag.
Wir träumen einfach am Tag,
am Tag, am Tag.

Ja. Nun. Also. Ich komme weiter unten noch einmal auf das große Ganze zurück. Für den Augenblick erfreuen wir uns an der Reihenfolge des Tagesablaufes des lyrischen Ichs: erst Bar, dann Job, dann irgendwo zwischen Hütteldorf und Heiligenstadt in der Wiener U Bahn sitzen. Was um alles in der Welt bedeutet: „Wir träumen da, wo wir glauben, der Traum wird hier realisiert“? Wünscht sich das lyrische Ich jetzt ein Meer in der Bar, einen Steg im Job, dreißig Grad in der U-Bahn?

Ich hätt' gern ein neues Auto,
so nen Formel 1 Wagen,
14 Kinder 18 Frauen und einen riesen Jet,
Millionen auf der Bank,
nen Klon von mir im Schrank,
der für mich jobben geht von 8 Uhr bis abends um 6.

Jetzt wird das Banale zum peinlichen Gestammel. Ein Formel 1 Wagen? Auch Dieter Bohlen hat irgendwann geschnallt, dass man im Ferrari scheiße sitzt, geschweige denn in einem nicht straßenverkehrstauglichen Formel 1 Auto. Achtzehn Frauen? Und warum sind mindestens vier von denen Unfruchtbar? Das ist ja schrecklich. Was ist ein Riesen-Jet? Ein Jet für Riesen oder meint der Texter einen riesigen Jet? Und letzte Frage: Wenn ich Millionen auf der Bank habe, warum soll dann ein Klon von mir von 8 Uhr bis 18 Uhr jobben gehen? Soll der sich doch um die 14 Blagen kümmern, die überall Schokolade verschmieren!

Und im ganzen Leben danach nie wieder dieselben Sorgen
und nie wieder von mei'm Bruder etwas Kleingeld borgen
und immer wenn ich will, 'n klein bisschen chillen
und ich weiß ich kann es haben, wenn ich es nur wirklich will.

Gegen Ende implodiert der Text geradezu, als wäre er getextet von einer tablettenabhängigen Weinkönigin. Selten hab ich so etwas Lahmes gelesen. Eben besorgt das lyrische Ich es noch 1,5 Dutzend Weibern und nun brabbelt es was von Kleingeld und will nur noch ein bisschen chillen? Fast möchte ich fragen, was mit der heutigen Jugend los ist, aber so tief werde ich nicht sinken.

Unsere Aufmerksamkeit wird in unserer Zeit durch die Medien und Ablenkungsindustrie immer mehr absorbiert. Die Vielfalt der inneren Verarbeitungsprozesse, das Sinnieren, Reflektieren und Fantasieren, wird ersetzt durch eine permanente Oberflächen- und Außenorientierung. Gerade junge Menschen werden in ständige soziale Vergleiche und Statuskämpfe verwickelt, richten ihr Leben an vorgegebenen Erfolgs- und Glücksmaßstäben aus und erschöpfen sich in der Jagd nach Anerkennung und neuen Reizen. Das Lied „Tagträumen“ liefert den Soundtrack dazu. Er schildert peinlich genau was die Oberflächen- und Außenorientierung für Wünsche implementiert. Das Problem dabei: Der Text ist zu 100% unreflektiert.

Fazit: Ein netter, fröhlicher Popsong? Nein, nicht für mich. Das Lied macht mich so traurig wie Gloomy Sunday.

Samstag, 23. Januar 2016

Bodenski „An der Zeit“

Liebes jüngeres Ich,

ich sehe Dich noch auf dem Bett sitzen, die Gitarre in den Händen und es entsteht dieser Song. Es muss 1989 gewesen sein, Deine Welt stellte sich gerade auf den Kopf, alles war Aufbruch, Veränderung und auch Verunsicherung. Die Mauer stand noch. Ein gemeinsames Deutschland, eine neue Band, Mittelalterrock und Drehleier? Wenn Dir jemand gesagt hätte, was bald kommen würde, Du hättest ihn ausgelacht.

Warum der Song, der zwischen rotzigem Deutschrock und Pionierlied seine Identität sucht, mit einer so seltsam altmodischen Formulierung wie „es ist an der Zeit“ daher kommt bleibt heute, fünfundzwanzig Jahre später, rätselhaft. Mit dem Studioalbum „Es ist an der Zeit“ von Hannes Wader, welches er 1980 veröffentlichte, kann es nichts zu tun haben. Der war Dir nämlich damals egal. Wikipedia gab es nicht und auch keinen Computer. Also wurden die Zeilen auf Papier gekritzelt, später abgetippt und der Song noch in der Wendezeit mit der Band Bodenski Beat aufgeführt. Damals noch im Dreivierteltakt. Das fanden Deine Kollegen und Du damals cool.

Germanistik hast Du erst später studiert, Deine Sprache erst viel später gefunden. Haben wir hier also eine frühe Perle, zufällig aus dem seichten Wasser gefischt, oder ist das Ganze nur Theaterdonner?

Dort oben leuchten die Sterne,
mit silberglänzendem Licht,
die sehen aus als hätten sie mich gerne,
ich glaube die sind nicht ganz dicht.

Den Ingeborg-Bachmann-Preis wird es dafür wohl nicht geben. Sterne mit silberglänzendem Licht sind nicht gerade originell. Vor allem dann nicht, wenn man in den ersten beiden Zeilen beginnt einen Caspar David Friedrich zu malen und dann, ätsch, zu behaupten die ollen Silbersterne seien ja wohl nicht ganz dicht. Man könnte versuchen, dies mit einem gewollten Bruch zu rechtfertigen. Zwischen einem zunächst hochsprachlichen Ton, der dann in die Umgangssprache kippt. Aber Du und ich, wir wissen Beide, dass Du es einfach hingeschrieben hast weil es sich reimte. Immerhin.

Die Nachtvögel dort in den Zweigen,
sind schwarz wie der tiefste See,
sie starren mich an und sie schweigen,
als wären auch sie nicht ok.

Das muss ich Dir lassen, stringent ist Dein Vorgehen schon. Auch die zweite Strophe beginnt mit einem leidlich schlechten, pseudo-romantischen Bild, welches dann konterkariert wird. Nachtvögel, die auch nicht ok sind. Gebt dem Mann ein Taschentuch!

Ich steh auf der untersten Stufe,
der Weg nach oben ist weit,
es hat keinen Sinn, doch ich rufe:
Es ist an der Zeit!

Nun ja, so ganz bleibt es nicht beim Jammern. Denn obwohl alles doof ist und man ganz unten steht, gibt es dieses Gefühl des Aufbruchs. Mit dem ganzen Wissen um die Entstehung und die Zeit, in der der Song geschrieben wurde, kann man diesem „doch“ in der dritten Zeile gar nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Doch, wir gehen jetzt los! Doch, wir ändern jetzt etwas! Doch, die Welt braucht eine weitere Band!

Doch stehe ich hier nicht alleine,
die Armee der Verlierer ist groß,
wir steh'n wie das Vieh auf der Weide
und warten auf das große Los!

Sag ich's doch, noch ein doch! In der dritten Strophe breitet nun also das lyrische Ich die Arme aus und zieht die ganze Armee der Verlierer in den Kreis derer hinein, die auf der untersten Stufe stehen wie Vieh auf der Weide. Und das lyrische Ich steigt auf den imaginären, umgedrehten Melkeimer, schlägt sich an die Brust und ruft den Massen noch einmal die Botschaft zu:

Ich steh auf der untersten Stufe,
der Weg nach oben ist weit,
es hat keinen Sinn, doch ich rufe:
Es ist an der Zeit!

Ist das Revolution? Die Frage muss unbeantwortet bleiben, genau wie die Frage, wofür genau es denn nun an der Zeit ist? Und wie bei jedem guten Song kann die Antwort jeder in sich selbst finden, so wie Du, liebes jüngeres Ich, sie einst für Dich gefunden hast.

Fazit: Netter Versuch. Setzen. Weiter machen. Besser werden.

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Philipp Dittberner „Wolke 4“

Ein Gespenst geht um in Deutschland: Die Neuen DeutschPoeten. Eine Wortschöpfung des Berliner Radiosenders FRITZ, die ganz treffend auf den Zeitgeist der letzten Jahre zielt. Wie jede Welle, spült auch die aktuelle Deutsche Welle nicht nur erfrischendes, klares Wasser an unsere Gestade, nein, der ganze Schlamm und Schleim kommt ebenfalls hoch und weil deutsches Liedgut so gefragt ist, wie lange nicht, wird jedes noch so kleine Talent unter Vertrag genommen und ausgequetscht. Augenfällig dabei, dass vor allem junge greinende Männer dabei in der Überzahl sind. Alles fing vor einer Weile mit meinem besonderen und nicht mehr ganz so jungen Freund Adel Tawil an, der in dem unsäglichen Lied „Weinen“ seine verflossene Dame auf Knien anflehte, ihn zurück zu nehmen. Etwas geschmackvoller aber gleichwohl memmenhaft säuselten Andreas Bourani und Gregor Meyle in der Folge ihre Lieder, gefolgt von Johannes Oerding und flankiert von Axel Bosse. Soweit so gut, denn ein gelungener trauriger Song zur rechten Zeit hatte schon immer seine Berechtigung. Die Betonung liegt allerdings auf gelungen. Spätestens mit Joris „Herz über Kopf“ und Mark Forster „Bauch und Kopf“, wurde es mir dann einfach zu viel. Diese unsäglichen Zwiegespräche von Herzen und Hirnen und der lyrische Tiefpunkt des Jahres, dass ein lyrisches Ich zwischen Bauch und Kopf steht, und letzterer sich dann auch noch schüttelt... Ich war schon oft nah dran mir den einen oder anderen Titel vorzuknöpfen, vor allem auch deswegen, weil es durchweg sehr, sehr erfolgreiche Lieder sind. Wer gibt allen Epigonen und Küchenlyrikern recht? Der Erfolg. Womit wir direkt bei Herrn Dittberner wären, der das Pech hat, dass ich ihn jetzt heraus picke, was ihm aber herzlich egal sein kann, denn im letzten August erhielt Dittberner vom Bundesverband Musikindustrie eine Platin-Schallplatte für über 400.000 verkaufter Exemplare und Streaming von „Wolke 4“, was mich wiederum zu den altbekannten Fragen führt: Hört eigentlich niemand hin, oder ist es allen egal?

Lass uns die Wolke 4 bitte nie mehr verlassen,
weil wir auf Wolke 7 viel zu viel verpassen,
ich war da schon ein Mal, bin zu tief gefallen,
lieber Wolke 4 mit Dir, als unten wieder ganz allein.

Der Song startet gleich mit dem Refrain. Damit wird das Gewicht auf die Kernaussage gelenkt. Meist haben solche Lieder dann eher flächenhafte Strophen, die die Kernaussage nur illustrieren.
Wir haben es mit einem erzählenden Ich und einem anwesenden Du zu tun. Das anwesende Du ist der aktuelle Beziehungspartner, mit dem das lyrische Ich zur Zeit zusammen ist. Der Text ist eine Momentaufnahme, es wird bilanziert, dass es auf Wolke 4 ausreichend schön ist. Frage: Ergibt es irgendeinen Sinn, dass das Paar auf Wolke 4 etwas erlebt, was es auf Wolke 7 verpassen würde? Antwort: Nein.
Die allermeisten Songs lassen sich in einem Satz zusammenfassen. Hier wäre der Satz: Ich habe einmal zu heiß geliebt, wurde verletzt und begnüge mich daher ab sofort mit lauwarmer Liebe.
Der Künstler bemüht sich um Reime, auch wenn wir uns zunächst mit einem einsamen Paarreim begnügen müssen.

Ziemlich gut, wie wir das so gemeistert haben,
wie wir die großen Tage unter kleinen Dingen begraben.
Der Moment, der die Wirklichkeit maskiert,
es tut nur gut zu wissen, dass das wirklich funktioniert.

Ich weiß nicht, wie Philipp diese Strophe auf seinem Collegeblock nieder geschrieben hat, der Gesang gibt darüber keine genaue Auskunft. Ich habe einfach mal einen Punkt hinter die zweite Zeile gesetzt. Wir haben also zwei Sätze, von denen ich den ersten noch halbwegs verstehe, auch wenn der Inhalt deprimierend ist: Lieber Partner, toll wie wir die großen Tage unter kleinen, alltäglichen Dingen begraben. Smilie, Daumen nach oben, Herzchen.
Schwieriger wird es mit dem zweiten Satz. Ich bin nicht sicher, ob der Texter sich dem Diktat des Reimes beugte und so das maskiert in den Text kam. Sollte der inhaltliche Ansatz wirklich federführend gewesen sein, steht da nicht mehr oder weniger als: Es tut gut, die Wirklichkeit auszublenden, danke dafür, dass dies mit Dir gelingt, Partner. Grammatik und Satzbau gehen hier natürlich zum Teufel. Es ist halt schwierig, die Löschtaste zu drücken, wenn das Herz voll und der Kopf leer ist.
Immerhin: Zwei Paarreime.

Lass uns die Wolke 4 bitte nie mehr verlassen,
weil wir auf Wolke 7 viel zu viel verpassen,
ich war da schon ein Mal, bin zu tief gefallen,
lieber Wolke 4 mit Dir, als unten wieder ganz allein.

Laber Rhabarber, erneuter Refrain, schön ist das Leben auf Wolke 4 mit Dir, bloß gut, dass wir hier sind, wir würden auf Wolke 7 doch glatt einen Haufen kleiner Dinge verpassen.

Hab nicht gesehen, was da vielleicht noch kommt,
was am Ende dann mein Leben und mein kleines Herz zerbombt,
denn der Moment ist das, was es dann zeigt, dass die Tage ziemlich dunkel sind,
doch Dein Lächeln bleibt, doch Dein Lächeln bleibt…

Oh Jesus, da rennt ihm mal ne Alte weg und gleich ist sein Leben und sein kleines... wartet, es kommt gleich... Herz zerbombt. Echt jetzt? Paarreim hin oder her, so etwas streicht man aus seinem Textentwurf. Jemand, der sich in der lauen Mittelmäßigkeit von Wolke 4 eingerichtet hat, sollte nicht derartig übertreiben.
An der dritten Zeile dieser Strophe scheitert allerdings meine Intellekt: Der Moment (...in dem das Herz zerbombt wurde oder so?) ist das, was es dann zeigt, dass die Tage ziemlich... wartet, es kommt gleich... dunkel sind. Echt jetzt? Grammatik? Satzbau? Mühe geben? Müsste die Zeile nicht richtiger: … der Moment ist der, der mir dann zeigt, dass … lauten?
Moment, da kommt noch was: Doch dein Lächeln bleibt. Würg. Ende. Das war schon alles: 12 krumme Zeilen, 4 lahme Reime, eine fragwürdige Aussage.
Auch wenn man jung ist, sollte man doch ein Gefühl dafür haben, was abgegriffen ist. Man muss doch seine Strophen nicht aus abgelutschten Allgemeinplätzen zusammenklöppeln. Gib mir einen originellen Gedanken Philipp! Einen!

Lass uns die Wolke 4 bitte nie mehr verlassen usw.

Fazit: Es ist nicht nur der mangelhafte Text, das Ganze weinerliche Getue und die für mich grundfalsche Annahme, dass irgendwer sich in der Liebe mit weniger als Wolke 9 zufrieden geben sollte, verleiden mir das Lied. Ich empfehle allen Heulsusen Barney Stinson nachzueifern: “Whenever I'm sad, I stop being sad and be awesome instead.”