Sonntag, 16. März 2014

Silbermond "Ja"


Silbermond hatten ein kurzes Zeitfenster, in dem für sie die Möglichkeit bestand, zu einer Stadionrockband aufzusteigen, die in Deutschland vielleicht sogar mit Lindenberg, Grönemeyer oder PUR hätte konkurrieren können. Ihre 2004 und 2006 erschienenen Alben „Verschwende deine Zeit“ und „Laut gedacht“ verkauften sich jeweils rund 500.000 mal. Eine unglaubliche Zahl von Alben. Auch heute noch verkauft die Band anständig, aber ihre Aura hat gelitten und die Chance, das neue, ganz große Ding zu sein, ist vertan.
Meiner Meinung nach liegt einer der Gründe dafür in der Substanzlosigkeit ihrer Texte. Der hier vorliegende Text ihrer 2012 erschienenen Single „Ja“ ist da kein Einzelfall, denn dieses Manko zieht sich wie ein roter Faden durch das Œuvre.
Das vorliegende Textprinzip findet sich auch in den Werken vieler anderer Künstler: Mit viel heißer Luft wird ein wohliges Gefühl erzeugt, der Text rauscht vorbei, nichts bleibt hängen, außer, dass man glaubt, etwas von Bedeutung vernommen zu haben, das verborgene Saiten in Einem zum klingen brachte. Ist dem so? Schauen wir genauer hin:

Ich bin verlor'n in deiner Mitte
Machst mich zum Kämpfer ohne Visier
Alles gedreht, Sinne wie benebelt
Ich bin so heillos betrunken von dir
Du wärmst mich auf mit deinem Wesen
Und lässt nicht einen Zentimeter unverschont
Du flutest alle meine Decks mit Hoffnung
Auf ein echtes Leben vor dem Tod

Eine Aufzählung. Und was für eine! Dass es sich hier um ein klassisches Liebeslied handelt, wird von der ersten bis zur letzen Zeile niemand bestreiten wollen. Doppelsinnigkeit wäre dem typischen Silbermondgefühl abträglich.
Gleich in der ersten Zeile bekennt das lyrische Ich, dass es verloren wäre. In der Mitte desjenigen, an den das Lied gerichtet ist. Darüber möchte man eine Weile sinnieren. Allerdings lässt der Text einem nicht die Zeit dazu, denn schon das nächste Bild fordert uns ebenso: „Kämpfer ohne Visier“. Wenn „Kämpfer“ und „Visier“ in einem Satz auftauchen, denke ich zuerst an Ritterkampf, an einen eisernen Helm. Dass dieser ohne Visier daher kommt, lässt mich vermuten, dass hier ohne Deckung, gekämpft wird. Was für ein schönes Bild, wenn es um ein Liebeslied geht. Leider wird der Gedanke nicht weiter entwickelt. Es folgen abrupt immer weitere Bilder: Das lyrische Ich hat benebelte Sinne, ist betrunken von dem Adressaten, dessen Wesen aber auch wärmt. Alles Bilder aus der Grabbelkiste der Gebrauchslyrik. Da habe ich dann auch keine Lust mehr zu hinterfragen, warum kein Zentimeter verschont wird. Aber wenn man mit offenem Visier kämpft, muss man damit wohl rechnen, wobei ich jetzt definitiv überinterpretiere. Und weil die Musik noch zwei weitere Zeilen verlangt, wechselt man gleich noch zum maritimen Fundus und flutet die Decks (welche Decks?) mit Hoffnung auf ein echtes Leben vor dem Tod. Dafür gäbe es den Pathos Award, denn wir alle wollen schließlich ein echtes Leben! Schön das das mal einer ausspricht. Ganz nebenbei kommt dieser Vers mit einem einzigen Reim aus. Reim bedeutet Struktur und die fehlt halt an allen Ecken.

Und Ja ich atme dich
Ja ich brenn für dich
Und ja ich leb für dich
Jeden Tag
Und ja du spiegelst mich
Und ja ich schwör auf dich und jede meiner Fasern
Sagt Ja

Und ja, alle Worte sind so hohl und so banal und doch so wunderschön, denn wer möchte nicht auch, dass der oder die Angebetete für einen atmet, brennt, lebt und sich in einem spiegelt, auch wenn man gar nicht weiß, wie Letzteres genau gemeint ist. Aber warum nachdenken, es reicht ja, dass es geschwört wird.

Es ist noch immer so schwer zu glauben
Wie Du die meisten meiner Fehler übersiehst
Du erdest jeden meiner Gedanken
Verleihst Flügel, wenn Zweifel überwiegt

Nach dem Pathos und der Bilderflut der ersten Strophe wird es am Anfang der zweiten regelrecht bodenständig. Ja, Fehler haben wir alle und es ist schön, wenn die auch mal übersehen werden. Nach meiner Erfahrung eine Grundvoraussetzung für dauerhafte Beziehungen. Und während wir noch zustimmend nicken, brechen unvermittelt wieder zusammenhanglose Bilder über uns Hörer (Leser) herein: Gedanken werden geerdet (das lag in der der Kiste gleich neben den Decks, die mit Hoffnung geflutet wurden), Flügel werden verliehen, um Zweifeln davon zu fliegen. Das ist purer Kitsch, getarnt als niveauvoller Pop, zu dem im anschließenden Refrain beschwörend erneut ja gesagt wird.
Übrigens gibt es in dieser Strophe keinen einzigen Reim. Da bleiben die Künstler konsequent.

Ja zu jedem Tag mit dir
Ja zu jedem deiner Fehler
Asche und Gold - ich trag alles mit dir!
Denn ich bin und bleib verlor'n in deiner Mitte
In deiner Mitte
Bis der Vorhang fällt

Die Sache mit den Fehlern und der Mitte kommt uns bekannt vor. Sie erzeugen ein Echo, welches uns sagen soll: Egal wie banal dir alles vorgekommen ist, du bist selber schuld, denn die wahre Tiefe des Textes blieb dir verborgen. Ätsch. Und weil du jetzt doof aus der Wäsche schaust, packen wir auf alle Floskeln noch Asche und Gold drauf und zwar bis der Vorhang fällt, denn in guten wie in schlechten Tagen kann ja jeder, bis dass der Tod uns scheidet.

Für den Fall, dass hier der Eindruck entstanden ist, ich würde mich vielleicht etwas zu sehr hineinsteigern: Ja.

Fazit: Silbermond schreiben laut Autorenangabe ihre Texte gemeinsam. Die alte Regel, dass viele Köche den Brei verderben, ist eine Floskel. Damit kennen sich die drei Herren und eine Dame gut aus.

Aber was sagt das eigentlich über uns Konsumenten aus? Hunderttausende interessiert nicht die Bohne was in Liedern wie diesen zusammengeklaubt und verwurstet wird. Es zählt das wohlige Gefühl verstanden zu werden, obwohl man nichts versteht. Auch eine Kunst, denn egal wie dicht man ist, Goethe war Dichter.

Kommentare:

  1. Dankeschön!
    Ich hab mich schon immer an diesen Liedern gestört, die so pseudo-tiefgründig sind und wo man gut zu mitwippen kann, aber außer eben das Gefühl verstanden zu werden nicht viel hängen bleibt.

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  2. ... und dann werden diese Lieder mehrfach täglich im Radio auf und ab gedudelt, bis sie einem zum Halse.. pardon, zu den Ohren heraus hängen... -.-

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