Mittwoch, 9. August 2017

Amanda „Blau“


An dieser Stelle ist eine Weile nichts passiert. Deutsche Texte sind in der Zwischenzeit nicht besser geworden, aber irgendwie fehlte mir der rechte Aufreger, um mich an die Tastatur zu setzen. Ein Entwurf zu Max Giesingers 80-Millionen-Hit hatte ich schon in der Schublade, als Jan Böhmermann mit „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ in genau diese Kerbe schlug und mit seinem von Schimpansen „geschriebenen“ Text das ganze Elend der aktuellen Deutschpoeten gehörig teerte, federte und durchs Dorf jagte.

Wieder einmal war es dann der kurz-vor-neun-Musikakt im Frühstücksfernsehen des ZDF, der mich auf den hier anhängigen Text aufmerksam machte. Eine Künstlerin namens Amanda performte das billige Imitat von etwas, das offensichtlich als Sommerhit konzipiert wurde.
Der wieder einmal erhellende Blick in die GEMA Datenbank brachte eine erstaunliche Anzahl von beteiligten Künstlern ans Licht und ich kann nicht anders, ich muss darauf eingehen.

Nr. 1: Murray, Amanda Nenette
Die Interpretin selbst hat also mitgeschrieben. Ihre Biografie erwähnt ein frühes Talent, welches schon im zarten Alter von acht Gedichte und Geschichten hervorzauberte. Das coole Altsaxophon und späteres Gitarrenspiel, welches angeblich mit Leidenschaft betrieben wurde, ebneten den Weg zum Hip-Hop, dessen deutsche Szene sie zunächst unter dem Künstlernamen She-Raw bereicherte. Ein Job als Radiomoderatorin brachte sie den ganz Großen der Musikszene näher, mit gravierenden Folgen für ihre Karriere und die deutsche Musiklandschaft.

Nr. 2: Bauss, Christoph
Künstlername Shuko, ist ein deutscher Hip-Hop und Pop Komponist und Produzent, mit anderen Worten: der Mann für die Beats.

Nr. 3: Geldreich, Michael
Dieser Mainzer Musikproduzent mit dem genialen Nachnamen scheint vor allem für die Noten zuständig gewesen zu sein, immerhin studierte er Klavier und Bass und leitet seitdem sein eigenes Musikproduktions-Studio und ist Gründer des elektronischen Jazz-Projekts "Rufus Dipper".
Michael schrieb und produzierte unter anderem schon Musik für Felix Jaehn, Cro, Milow, Mark Forster, Herbert Grönemeyer, Julian Perretta, Rufus Dipper und Leslie Clio.

Nr. 4: Kalmbacher, Julius
In frühen Jahren bekam er Unterricht am Klavier und an der Gitarre. Später kam Gesangsunterricht hinzu. Nach dem Abitur studierte er zunächst Musikwissenschaften an der Universität Heidelberg, sattelte aber später auf die Popakademie Baden Württemberg um. Seit 2012 betreibt er als Musikproduzent ein eigenes Tonstudio in Mannheim innerhalb der Naidoo Herberger Tonstudios. Er komponiert Filmmusik, schreibt Songs und spielt in verschiedenen Bands.

Nr. 5: Ćwiertnia, Mark
Besser bekannt als Mark Forster, Hitsänger aus Leidenschaft, Liebling der Medien, Freund der Kinder.

Nr. 6: Würdig, Paul
Der Welt auch bekannt als Sido, über dessen Künstlernamen verschiedene Geschichten kursieren, von denen eine besagt, er bedeute „super-intelligentes Drogenopfer“, er könnte aber auch für „Scheiße in dein Ohr“ stehen. Der mündige Leser möge selbst entscheiden.

Man stelle sich diese geballte Macht an Talent und Erfahrung in einem Raum vor! Christoph schmeißt den Drumcomputer an (96 BPM), Michael und Julius setzen sich vierhändig ans Klavier, Mark und Paul zücken die Stifte, rappen und singen spontan über den Frust der kleinen Leute, die unter der Knute eines widerlichen Chefs bei der Büroarbeit schwitzen müssen, wo doch draußen der Himmel so schön blau ist. Und Amanda bläst dazu versonnen ein paar Melodiebögen auf ihrem Altsaxophon. Plötzlich ist Magie im Raum, alle sehen sich an, ein Strahlen breitet sich auf ihren Gesichtern aus. Eben wurde Musikgeschichte geschrieben und wahrscheinlich auch eine Menge Geld verdient.

Ich glaub', ich bin sprunghaft
Ich mach' gern Neues und das jeden Tag
Ich leb' von Luft und Liebe
Ich komm' auch ohne viel Kohle klar

Wenn man nichts zu sagen hat, geht man auf Nummer sicher, wenn man mit einem fetten Klischee beginnt. Ich bin so spontan, geradezu sprunghaft, probier gern Neues aus. Ja, und Kohle bedeutet mir gar nichts, ich brauch nur Luft und Liebe. Käme noch Wasser hinzu, wäre es eine astreine Fastenkur. Ohne Wasser dürfte nach drei Tagen das Licht ausgehen, aber wenigstens wurde man geliebt, wahrscheinlich von seinen Hörern.

Und Mister Chef sagt: „So läuft's nicht!
Streng dich an, denn Arbeit muss sein!“
Doch ich bin gegen Regeln allergisch
Will mich entfalten und einfach ich bleiben

Wie soll das gehen? Sich entfalten und gleichzeitig einfach man selbst bleiben? Ist nicht Veränderung das, was unser Leben bereichert, vor allem wenn man gern Neues macht, und das jeden Tag?
Schuld ist ja vor allem Mister Chef. Arbeit muss sein? Was für'n Blödmann, sieht der denn nicht, dass man gegen Regeln allergisch ist? Zehn Gebote, vor dem Essen Hände waschen, Kinder nicht vor den Bus schubsen – nicht mit diesem lyrischen Ich.

Montag bis Freitag immer das Gleiche
Immer nur ackern – nein, Mann, es reicht jetzt!
Ich will nicht warten auf'n Feierabend
Will lieber los und gleich was starten

Genau! Wer hätte dafür nicht Verständnis, wenn die Müllabfuhr mal nicht kommt, der Chirurg mitten in der Operation das Skalpell fallen lässt, die Berliner Szenekneipe am Samstag geschlossen bliebe.

Komm, sei doch ehrlich!
Du bist wie ich, du hast auch kein'n Bock
Also lass geh'n!
Mach Stopp!

Moment! Jetzt werden wir alle mit verhaftet. Das lyrische Ich ruft zur Anarchie auf. Ist das schon Volksverhetzung? Nein, natürlich nicht. Zitat Pressetext: eine Hommage an das Blaumachen und Laissez-faire.

Hey! Guck, der Himmel ist blau
Komm, das machen wir auch

Das war die magische Zeile, die, die das Leuchten in die Gesichter zauberte. Was für ein herrliches Wortspiel, welch zauberhaftes Bonmot! Für meinen Geschmack etwas holprig, denn das Blau des Himmels ist ein Zustand und wenn wir Menschen auch blau sein wollten wie er, wären wir nach stehender Redewendung besoffen.
Blau machen“ wiederum kommt von den Färbern. Die legten die Stoffe, die sie färben wollten, am Sonntag in ein Färbebad. Montags wurde die gefärbte Wolle dann aus dem Bad genommen und an der Luft getrocknet. Die besondere Farbe, die damals verwendet wurde, zeigte eine chemische Reaktion mit der Luft und wurde blau. Während die Wolle an der Luft trocknete und blau wurde, hatten die Färbergesellen nichts zu tun, also konnten sie ganz in Ruhe "blau machen" - und zwar die Wolle.

Mann, dein Laptop ist grau
Klapp ihn zu! Mach ihn aus!
Guck, der Himmel ist blau
Komm, das machen wir auch

Der Laptop ist grau...“ Über diese Zeile habe ich lange nachgegrübelt. Entsprechende Modelle, wie sie im Studio erfolgreicher Hitproduzenten herumstehen, sind in der Regel silber und haben ein Osbstlogo. Der einzige Grund für ein Modell in grau ist also der Wunsch, einem Reim zu produzieren. Warum das so wichtig ist? Es ist nach Bock/Stopp erst der zweite reine Reim im ganzen Text. Tusch!

Ich glaub', man muss sich nur trau'n
Tür auf und raus und
Blau! Bla-blau!
Bla-blau! Bla-blau!

Hier zeigen die Jungs und die Künstlerin zum ersten Mal wirklich Klasse: Mit dem Kunstgriff, den Songtitel Blau mit dem onomatopoetischen Blabla zu verbinden, gelingt ihnen ein pfiffiger, wertvoller Beitrag zur Kritik am heutigen Pop-Geschäft, welches sie allesamt heimlich verachten. Hier wird echte Haltung gezeigt und dem bisher eindimensionalen Text eine weitere, sehr viel tiefere Ebene hinzugefügt. Respekt.

Mein Gott, mein Kopf
Ich würd' gern abschalten, doch ich finde kein'n Knopf
Ich hab' kein'n Bock, aber keine Zeit
Und in der Mensa gibt's schon wieder diesen Einheitsbrei
,Warum heute?‘, denkt mein Körper sich
,Warum mach' ich das? Warum surf' ich nicht?
Warum sitz' ich hier und schwitze bis in jede Ritze?
Ich wär' lieber draußen bei der Hitze!‘
Okay, ich klapp' den Laptop zu
Ich mach' Feierabend – jetzt kommst du!
Mein Chef: „Das geht nicht!“, ich sag': „Na, dann pass auf!“
Ich bin kein Maler, doch ich mach' blau

Interessant, dass nicht nur der Interpret von Amanda zu Sido wechselt. Auch das lyrische Ich ist jetzt ein anderes, denn während in der ersten Strophe im Büro geschwitzt wurde befinden wir uns jetzt offensichtlich in einer höheren Schule, denn nur dort gibt es eine Mensa (verkürzt aus mensa academica „Universitätsmittagstisch“ von lateinisch mensa „Tisch, Tafel“) und graue Laptops.
In dieser Strophe wird zumindest etwas gereimt, die Klasse eines Sido lässt sich eben nicht verleugnen.
Ich sitze in der Hitze und schwitze bis in jede Ritze. Und dann lagen wir auf der Veranda übernanda.

Der Rest des Songs – wie üblich bei diesem Format – ist Refrain und (systemkritisches) Blabla.

Fazit: Hätten die sechs an diesem Song beteiligten Künstler doch an diesem Tag nur blau gemacht!

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