Freitag, 23. Mai 2014

Rammstein „Sehnsucht“


Ich bin nicht der größte Rammsteinfan den die Welt je gesehen hat, aber ich hege große Bewunderung und Respekt für die Band, die sich einst aus der Asche von Feeling B erhob. Ich hatte das Glück, sie erstmals 1995 als Vorgruppe von Sandow im Potsdamer Lindenpark erleben zu können. Damals versuchte sich Till noch an Ansagen. Dies war die einzige Schwäche einer Band, die wie eine Naturgewalt den vermeintlichen Hauptakt von der Bühne fegte. Ihr Debüt „Herzeleid“ tat sich am Anfang schwer, die Band war ein Geheimtip und wurde in Deutschland zunächst wenig beachtet. Als sie in Holland auf dem Index landeten, schwappte eine Medienwelle zurück nach Deutschland und es ging Berg auf. Mit dem zweiten Album „Sehnsucht“ und der Single „Engel“ wurden sie nicht nur zu Superstars, sondern auch zur meistdiskutierten Band Deutschlands. Das ganze Gedöns um die Neue Deutsche Härte und ihr Spiel mit Rechtsextremismus (lange her) soll hier außen vor bleiben.
Mit dem Titel „Sehnsucht“ verbindet mich eine ganz persönliche Anekdote. Ich war 1997 in eigener Sache unterwegs, denn es war gerade unser Album „Bannkreis“ erschienen. Ich unterhielt mich mit einer sehr bekannten Promoterin über den Titel und sie erzählte mir, dass sie den Titel sehr mochte, weil er von Fernweh handeln würde und auch sie würde sich schon auf den nächsten Urlaub freuen.
Alle, die auch dieser Meinung sind, sollten an dieser Stelle aufhören zu lesen, es könnte sein, dass die folgende Lektüre sonst als verstörendes Erlebnis enden wird.

Die Texte, die Till Lindemann für Rammstein schreibt, bilden ein kleines, eigenes Universum. Ich bin oft gefragt worden, ob ich nicht diesen oder jenen Text der erfolgsverwöhnten Berliner Band interpretieren würde. Ich habe mich lange davor gedrückt und tue mich auch hier schwer mit der Aufgabe. Ich werde erklären warum: Till Lindemann ist ein sehr interessanter Texter. Er arbeitet gern mit sauberen Reimen und zackigem Metrum. Außerdem hat er ein Ohr für Wortspiele und wie jeder echte Ossi auch ein Herz für Poesie. Till ist Baujahr 1963 und dürfte in seiner Jugend ungefähr das gleiche Zeug wie alle anderen seiner Genration in der DDR gehört haben: metaphernreiche Texte.
Der Stil, der sich bei ihm entwickelt hat, geht in vielen Fällen über die bloße Metapher hinaus. Er schreibt teilweise in Chiffren. Metaphern sind Bedeutungsübertragungen. In den meisten Fällen erklären sie sich von selber oder greifen auf allgemeine kulturelle Bezüge zurück, die man schnell entschlüsseln kann. Wenn man den Mond als angebissenes Stück Käse in der Himmelsfalle beschreiben würde, dann wäre das eine astreine Metapher. Chiffren sind weit komplizierter. Es sind verschlüsselte Inhalte, deren Interpretation nur gelingt, wenn der Autor einem den entsprechenden Schlüssel in die Hand gibt. Im Fall von Till Lindemann, der notorisch schweigsam ist, gibt es sehr wenige Schlüssel. Außerdem ist er so unfair, bestimmte Worte in unterschiedliche Chiffren zu verwandeln. So kann eine Träne eben noch ein Ausdruck für Leid sein, im nächsten Augenblick ist es Sperma oder, wie wir weiter unten sehen werden, möglicherweise etwas ganz anderes.
Dies hat dazu beigetragen, dass es im Netz ein nahezu unglaubliche Menge von Spekulationen, Interpretationen und Blödsinn zum Thema Bedeutungen von Rammsteintexten gibt. Mit meiner Besprechung von „Sehnsucht“ werde ich diesem Wust nur einen kleinen Partikel hinzufügen können, allerdings ist es nur mein Versuch, mich einigen Chiffren in diesem speziellen Text zu nähern und solange Till weiter schweigt, halten wir uns wie echte Germanisten eben an den Text.

Da ich im Besitz des original Booklets bin, kann jeder davon ausgehen, dass ich hier buchstabengetreu den Text wiedergebe. Im Netz finden sich einige fehlerhafte Varianten. Wie ich zeigen werde, können einzelne Buchstaben sehr wichtig sein.

Lass mich deine Träne reiten
übers Kinn nach Afrika
wieder in den Schoß der Löwin
wo ich einst zuhause war
zwischen deine langen Beine
such den Schnee vom letzten Jahr
doch es ist kein Schnee mehr da

So steht es im Booklet. Wichtig: „Träne“ nicht „Tränen“ und „zwischen deine langen Beine“ und nicht „zwischen deinen langen Beinen“.
Mein Interpretationsansatz ist nicht Fernweh sondern Sex. Und zwar nicht Blümchensex sondern knallharter Sex, der trotzdem keine Erfüllung bringt. Die Chiffren im ersten Block sind Träne, Kinn, Afrika, Schoß der Löwin. Ich gehe davon aus, dass es sich hier um verschlüsselte anatomische Angaben handelt. Die Reise geht über mehrere Stationen und das lyrische Ich berichtet, wohin es gelangt: „zwischen deine langen Beine“. Der Schoß der Löwin wäre demnach die weibliche Schamgegend. Afrika wäre ein südliche Region, die damit korrespondiert. Die Träne bereitet mir Kopfzerbrechen. Eine zeitlang dachte ich es könnte sich auf Grund der Form dabei um die Klitoris handeln. Immerhin steht die Träne in der Einzahl und „deine Träne reiten“ wäre dann selbsterklärend. Aber warum übers Kinn? Vielleicht beginnt der Geschlechtsakt ja oral. Wie gesagt: Chiffren brauchen Schlüssel und ich habe hier keinen parat.
Wenn wir uns Satzzeichen hinzudenken würden, ginge das ganze Satzkonstrukt erst einmal bis einschließlich Zeile 5, dann könnte man ein „Ich“ einfügen (das hat der Texter wegrationalisiert, weil er im Metrum bleiben wollte) und neu ansetzen.
„Ich such den Schnee...“ Hier also die nächste Chiffre. Schnee steht im allgemeinen für das Rauschmittel Kokain. Es ist ziemlich naheliegend, dies auch als Interpretation anzuwenden. Kokain ist eine Droge, die mit Sex kombiniert sehr stimulierend sein soll. Das lyrische Ich im vorliegenden Text jedoch kommt so oder so nicht zum ersehnten Rauschzustand. Es wäre aber auch möglich, hinter der Chiffre Schnee Sperma zu vermuten. Vielleicht hat das lyrische Ich nicht zum ersten Mal Sex mit der Person, in diesem Fall sollte man sehr froh sein, wenn man keinen Schnee vorfindet.

Lass mich deine Träne reiten
über Wolken ohne Glück
der große Vogel schiebt den Kopf
sanft in sein Versteck zurück
zwischen deine langen Beine
such den Sand vom letzten Jahr
doch es ist kein Sand mehr da

Till Lindemann liebt es von Zeit zu Zeit mechanisch vorzugehen. Das gesamte textliche Konstrukt wiederholt sich, Zeile 1 und 5 sind identisch, in den letzen beiden Zeilen wird wieder gesucht und nicht gefunden. Im Zusammenhang mit der zu reitenden Träne verwandeln sich „Wolken ohne Glück“ auch wieder in eine Chiffre, für die ich keine schlüssige Interpretation habe. Das Gefühl, welches diese Zeile jedoch erzeugt ist klar: Die Erfüllung, das Happy End, bleibt dem lyrischen Ich versagt. Dafür macht es uns der Texter mit dem „großen Vogel“ recht einfach, auch wenn die Gleichsetzung des männlichen Gliedes, das in eine Vagina eindringt, mit dem Kopf eines Vogels (Strauß = langer nackter Hals und Kopf?) wenig schmeichelhaft ist. Dafür ist der Sand wiederum noch verwirrender als der Schnee aber er korrespondiert mit Afrika, welches man sich klischeehaft als trockenes Land vorstellt.

Sehnsucht versteckt
sich wie ein Insekt
im Schlafe merkst du nicht
dass es dich sticht

Recht spät startet der Refrain des Liedes, diesmal nicht mit einer Chiffre sondern mit einem Gleichnis und zwar mit einem etwas holprigem. Abstrakte Begriffe mit konkreten Begriffen zu vergleichen, kann leicht in die Hose gehen. Sehnsucht ist ein Gefühl. Wie soll es sich bitte unter einem Stein oder in einer Baumritze verstecken? Aber da Insekten immer auf der Seite des Teufels stehen und der Reim so schön knallt, geht das schon in Ordnung. So sticht denn die Insekt gewordene Sehnsucht das lyrische Ich im Schlafe und was ist das für eine Sehnsucht? Die Sehnsucht nach Analverkehr! Denn:

Glücklich werd ich nirgendwo
der Finger rutscht nach Mexiko
doch er versinkt im Ozean
Sehnsucht ist so grausam
Sehnsucht

Spätestens seit Mickie Krauses „Finger im Po, Mexiko“ wissen wir wo Mexiko auf der anatomischen Landkarte liegt. Der Finger hat dort eine wichtige Rolle beim Vorspiel, der Rest ist Schweigen. Leider beschert uns dieser Interpretationsansatz die nächste Chiffre, denn in welchem Ozean versinkt der Finger? Nun, ich glaube ich war schon deutlich genug, deshalb überlasse ich dieses Rätsel dem geneigten und inzwischen sensibilisierten Leser.

Fazit: Keiner singt so gekonnt über sexuelle Praktiken außerhalb der Norm wie Till Lindemann. Möglich jedoch, dass das alles nur ein Missverständnis ist, denn auch Rockstars machen gern mal Urlaub an weißen Stränden.

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