Montag, 14. April 2014

Revolverheld „Das kann uns keiner nehmen“



Die Band hat eine ziemlich klassische Karriere hingelegt und sich zunächst über Supporttouren und kleine Clubgigs ordentlich Hornhaut auf die Finger gespielt. Die smarten, Popakademie geschulten und irgendwie gecastet wirkenden Musiker sind im Studio und auf der Bühne Vollprofis, die ihren Job gelernt haben und alles was sie machen, richtig machen. Wirklich alles?
Ihre Karriere begann 2002, ein erstes Album erschien 2005. Auf der ersten Single „Generation Rock“ sangen sie noch recht ungestüm:

Und die Zeit tickt
Immer weiter, immer schneller
Das Leben dreht sich fast wie ein Propeller
Wenn Dich Rock kickt
Und Dir gefällt was Du hier hörst
Vergiss den Pop-Shit und komm mit uns mit

Schon die zweite Single war, ganz klassisch, eine Ballade, eine Teilnahme am Bundesvision Song Contest sorgte für weitere Aufmerksamkeit und so folgte eine weitere Ballade und die 1Live Krone (des WDR-Radiosenders Eins Live) als Bester Newcomer 2006. Mit deutlich glatterem Sound begann die Band, sich 2007 selbst Lügen zu strafen. Single auf Single folgte und mit dem dritten Album knallte der Pop-Shit dann richtig, als die Spatzen die Single „Halt dich an mir fest“ von den Dächern pfiffen. Wobei ich neulich las, dass Dohlen, Stare und Eichelhäher viel besser Laute wie die von Mobiltelefonen imitieren können, aber ich schweife ab.
Wenn man erst einmal vom süßen Nektar des Radiohits gekostet hat, dann kann man nur ganz schwer wieder in die verrauchte Kneipe an der Ecke zurückkehren und am schalen Bier der Generation Rock nippen. Wobei wir bei der ersten Single des Albums „Immer in Bewegung“ aus dem Jahr 2013 angekommen wären:

Alte Freunde wiedertreffen
Nach all' den Jahr'n
Wir hab'n alle viel erlebt
Und sind immer noch da

„Tach, Jungs!“, grüßen die Musiker um den inzwischen zum neuen Sasha gereiften Johannes Strate in die Runde und nehmen am Tresen Platz. Zum reimen jedenfalls bleibt keine Zeit. Obwohl der ganze Text im weiteren Verlauf nach dem einfachen Reimschema a,b,c,b schreit und wohl auch so klingen soll, kriegen die Jungs das erst mal nicht gebacken.
In den Neunzigern waren die Jungs keine 20 Jahre alt. Jetzt, 2013, sind sie so um die 35., haben viel erlebt und sind immer noch da. Wow. Da mach ich mir erst einmal ein Alkoholfreies auf, das hier wird bitter.

In der Kneipe an der Ecke
Uns'rer ersten Bar
Sieht es heute noch so aus
Wie in den Neunzigern

An dieser Stelle empfehle ich, sich einmal den Text von Peter Alexanders „Die kleine Kneipe“ anzusehen. Getextet übrigens von Michael Kunze (rund 80 Goldene- und Platin-Schallplatten) nach einem Lied von Pierre Kartner, auch bekannt als Vader Abraham (128 Goldene Schallplatten als Komponist und 57 Goldene und Diamantene Schallplatten mit seinen Schlümpfen), aber ich schweife ab. Hier wird mit wenigen Worten so viel Atmosphäre erzeugt, man fühlt sich sofort in die Szene hineinversetzt, hat alles als lebendiges Bild vor Augen.
Bei Revolverheld sieht es aus wie in den Neunzigern. Ja, genau. Und wie sahen die aus?
Herausragend übrigens der Versuch das Wort „Bar“ auf genuschelte „Neunzigar(n)“ zu reimen. Nee, wird nie ein Reim.

Manche sind geblieben
Und jeden Abend hier
Meine erste Liebe
Wirkt viel zu fein dafür

Wir erinnern uns: Zwischen den Neunzigern und jetzt sind rund 20 Jahre vergangen. Die Gestalten, die seit dem jeden Abend hier in der Kneipe waren, können einem nur leidtun, aber es wird nicht sozialkritisch, es wird kryptisch. Sitzt die erste Liebe von Sasha Strate auch seit 20 Jahren in der Kneipe (dann gute Nacht) oder ist sie nur heute mal zur Feier des Tages vorbeigekommen und hat den Nerz rausgekramt? Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Dafür gibt es wenigstes den Hauch eines Reims, keinen reinen zwar, aber wir begnügen uns schon mit einem vokalisch unreinen.

Wir sind wirklich so verschieden
Und komm' heut von weit her
Doch uns're Freundschaft ist geblieben
Denn uns verbindet mehr

Ja, verdammt, das kann ja alles sein. Aber was außer Plattitüden und (Achtung: Plattitüde) leeren Worthülsen soll denn das hier? Uns verbindet mehr? Was denn? Die Vorliebe für das Design der Neunziger?
Beim vierten Anlauf hat es endlich mit dem Reim geklappt. Toll.

Ooooooh
Das kann uns keiner nehmen
Ooooooh
Lasst uns die Gläser heben
Ooooooh
Das kann uns keiner nehmen
Die Stadt wird hell und wir trinken auf's Leben

Ohohoho. Das bisschen Nichts von dem ich hier singe kann uns keiner nehmen. Also bechern wir mal mit den Alkoholikern, die hier seit Jahrzehnten am Tresen kleben und obwohl ich einen sauberen dreifach Reim hinbekommen habe, den man ohne Not auch mit Endung singen könnte, lasse ich es klingen wie „nehm“, hem“, „Lem“. Man möchte sich die Kugel gem.

Wir hab'n an jede Wand geschrieben
Dass wir da war'n
Und die Momente sind geblieben
Und sind nicht zu bezahlen

Genau. Für alles andere gibt es Visa Card. Ich muss jetzt mal zum Ende kommen, ich bekomme seltsamerweise einen unstillbaren Durst auf Schnaps.

Jedes Dorf und jeden Tresen
Hab'n wir zusamm' gesehen
Und wenn ich morgen drüber rede
Klingt das nach Spaß am Leben

Was ich immer sage: Saufen ist purer Spaß am Leben. Und natürlich seinen Namen auf die Innenseite einer Klotür schreiben. Ohohoho.

Und in der Kneipe an der Ecke
brennt noch immer das Licht
Wir trinken Schnaps, rauchen Kippen
und verändern uns nicht

Da, wo das Leben noch lebenswert ist, dort, in der Kneipe in unserer Straße, da fragt dich keiner, was du hast oder bist. Ohohoho. Prost.

Fazit: Dümmlicher Text, handwerklich schlampig. Generation Rock schunkelt schnapsselig in den Pop-Himmel. Das kann Euch keiner nehmen.

Kommentare:

  1. Wieder einmal klar, direkt, und vor allem auf den Punkt gebracht. Ich freue mich auf mehr!

    Danke übrigens für deinen Kommentar auf meinem Blog. Dann hat sich die Arbeit ja gelohnt. Lg.

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  2. Danke. Endlich sagt mal jemand ein paar wahre Worte zu dieser Grütze, die man tagtäglich im Radio ertragen muß. Und genau wegen solcher Songs schalte ich nach den Nachrichten dann auch meistens wieder aus.

    LG, Annie

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  3. ... und wieder einmal findest Du die richtigen Worte, um mein Mißfallen an diesem und anderen Liedern dieser Art zu benennen!
    Nach ihrem rockigen Beginn, als ich sie durchaus noch gerne im Radio hörte, ist doch viel "Main" den "Stream" runter geflossen... ich kann diese ganzen Radiobands alle nicht voneinander unterscheiden! :/

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  4. Als ich das Lied das erste Mal im Radio hörte, dachte ich mir so etwas ähnliches. Richtig darüber nachgedacht hab' ich allerdings nicht. Jetzt hab' ich aber Deinen Kommentar dazu gelesen, und muß sagen: Das trifft es sehr, sehr genau. Danke für diesen Augenöffner!

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