Donnerstag, 6. Februar 2014

Jupiter Jones "Still"


Das ist ein toller Popsong mit einem emotionalen Text. Emotional vor allem deswegen, weil jeder die Situation, die dem Text zu Gunde liegt, zu kennen glaubt. Ich bin mir sicher, dass die Meisten es so interpretieren: Es geht um das Ende einer Beziehung und das beschissene Gefühl danach. Nun bringt eine Recherche im Netz allerdings zu Tage, dass Nicholas Müller, der Sänger und Texter der Band, in dem Lied den Tod seiner Mutter verarbeitet hat. Wir sollten Texte immer als das was sie sind interpretieren. Wir sollten das lyrische Ich im Text niemals mit demjenigen, der den Text geschaffen hat, gleichsetzen. Aber kann man nach so einer Information den Text noch unbefangen interpretieren?

So Still, dass jeder von uns wusste,
das hier ist für immer, für immer und ein Leben
und es war so still, dass jeder von uns ahnte,
hierfür gibts kein Wort, das jemals das Gefühl beschreiben kann.“

Der Texter stellt als erstes fest, dass sich hier nichts reimt. Muss es ja auch nicht. Die Formulierung „für immer und ein Leben“ fand ich zunächst etwas überzogen. Das ist so wie „bis zur Unendlichkeit und noch ein Stückchen weiter“. Aber wenn ich weiß, dass es um den Tod eines geliebten Menschen geht, kann ich es auch anders lesen: Der Tod ist endgültig und für immer, aber es gab davor ein ganzes Leben und das bleibt so lange ich mich daran erinnere.
Es gibt übrigens sehr wohl ein Wort für das Gefühl um das es geht, es heisst Trauer. Wie alle Wörter verweist es allerdings nur auf etwas, in diesem Fall auf etwas Abstraktes, ein Gefühl, und das lässt sich in der Tat nur schwer beschreiben.

So still, dass alle Uhren schwiegen,
ja, die Zeit kam zum erliegen,
so still und so verloren gingst du fort,
so still und so verloren gingst du fort.

Darf man über Kausalität nachdenken, wenn man trauert? Vielleicht nicht. Mal ganz unemotional: „So still, dass alle Uhren schwiegen“? Es war also so still, dass die Uhren nicht mehr gegangen sind? Wenn es bei mir sehr still ist, ticken die Uhren besonders laut. Ich hab sogar mal einen Wecker in das Badezimmer verbannt, weil er einfach zu laut tickte. Mit den Uhren kommt auch die Zeit zum erliegen? Nun, unser Zeitbegriff schließt eigentlich ein, dass sie niemals zum erliegen kommt, auch wenn mal eine Uhr stehen bleibt, was der Zeit ziemlich wurscht ist.

Ich hab so viel gehört und doch kommts niemals bei mir an,
das ist der Grund warum ich Nachts nicht schlafen kann,
wenn ich auch tausend Lieder vom Vermissen schreib,
heisst das noch nicht das ich versteh, warum dieses Gefühl für immer bleibt.

Das lyrische Ich hat schon viel gehört, aber niemals ist etwas angekommen. Ich vermute, dass es umgangssprachlich gemeint ist und das lyrische Ich bestimmte Informationen nicht verarbeitet hat. Ich denke da an gute Ratschläge oder Berichte von Anderen, die Ähnliches erlebt haben. Wir wissen zwar, dass dieses Gefühl nicht für immer bleibt, aber wem nutzt das in so einer Situation?

So laut, die Stunden nach dem Aufschlag als es galt,
das alles zu erfassen und verstehen und es war
so laut, dass alles was wir dachten nichts als Leere zu uns brachte,
so laut und so verloren war es hier,
als Stille bei uns wohnte anstatt dir.

Diese Strophe enthält die beiden Zeilen die mich motiviert haben, den Text zu besprechen: „so laut und so verloren war es hier, als Stille bei uns wohnte anstatt dir“. Ich dachte: Das kann nicht sein. Da ich Schwierigkeiten hatte, der Sache auf den Grund zu gehen, habe ich den Fall Bastian Sick vorgelegt, der dankenswerter Weise Licht ins Dunkel bringen konnte. Ich zitiere:


Die Präpositionen "anstatt", "statt" und "anstelle" erfordern standardsprachlich den Genitiv.

Darum heißt es auch "stattdessen" und nicht "stattdem".

Das gilt für Dinge

"Anstatt des Wollpullovers solltest du lieber zwei zusätzliche T-Shirts einpacken!"

"Ich habe anstelle eines neuen Rezepts lieber ein bewährtes genommen."

genau wie für Personen:

"Anstatt meines Vaters kam ich", anders ausgedrückt: "Anstatt seiner kam ich". (Nicht: "anstatt ihm", "anstatt ihn" oder "anstatt er")

Man erfragt das Objekt also nicht mit "Wem?", auch nicht mit "Wen?", schon gar nicht mit "Wer?" (dann wär's kein Objekt, denn Objekte stehen niemals im Nominativ) - sondern mit: "Wessen?"

Der Genitiv der Personalpronomen lautet

meiner, deiner, seiner/ihrer, unser, euer, ihrer/Ihrer

Berühmtestes Beispiel:

Herr, erbarme dich unser!

So, das war Hochdeutsch. Nun kommt Schlagerdeutsch.

Im Schlager/Deutschpop ist der Genitiv der Personalpronomen heute eher ungewöhnlich und wird von vielen als unpassend empfunden. Statt des Genitivs den Dativ zu verwenden ist allerdings eine unsaubere Lösung, denn das wäre ein Abrutschen in Dialekt/Umgangssprache/Jargon.

"Als Stille bei uns wohnte anstatt dir" tut einem sprachbeflissenen Hörer in den Ohren weh. Trinkfreudigen Halbwüchsigen und tätowierten Motorradfahrern dürfte es hingegen egal sein. Insofern spielt es keine Rolle. Jupiter Jones hat mit "Still" einen Echo gewonnen. Das ist ein großartiger Erfolg. Wer den Echo hat, bedarf des Genitivs nicht mehr. (Ein paar zusätzliche Harmonie-Einfälle würde ich ihnen langfristig allerdings wünschen.)

Aha, das bedeutet also, dass "als Stille bei uns wohnte anstatt deiner" hier korrekt gewesen wäre. Und weiter im Text.
 
So still, obwohl ich dich mit jedem Tag vermiss
und wo immer du auch gerade bist,
du zeigst mir, dass Stille jetzt dein Freund geworden ist.

Die letzte Strophe würde wohl besser funktionieren, wenn es um das Ende einer Liebe gehen würde. Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben, wählen die Stille zum Freund. Das die verstorbene Mutter dem lyrischen Ich zeigt, dass Stille ihr Freund ist, macht sie zum Geist. Das ist nicht so meins.

Fazit: Auf das emotionale Tor geschossen, Treffer, versenkt. Wie im Fußball zählt das Ergebnis, auch wenn hier die Möglichkeit verschenkt wurde, das Ganze etwas eleganter herauszuspielen.

Warum das Video zu diesem sehr erfolgreichen Lied die Steilvorlage der verfügbaren Tiefendimension nicht aufgegriffen hat und sich darauf beschränkt, die Bandmitglieder und ein paar Mädels wahlweise kuschelnd oder einsam in die Gegend starrend zu zeigen, bleibt Geheimnis des zuständigen A&R.

Kommentare:

  1. Hallo Bodenski,

    ich hab mit wirklich großer Freude deine Interpretation hier gelesen und erstmal:
    Klasse, dass du hier sowas anbietest! Ich bin neben meiner Hobbymusik nur ziemlicher Amateurtexter, verliebe mich aber sehr gerne in bestimmte Zeilen.

    Der Grund weswegen ich diesen Kommentar hier schreibe ist dein Kommentar zu „So still, dass alle Uhren schwiegen“.
    Ich kann deinen Gedankengang durchaus nachvollziehen, allerdings würde ich gerne ein anderes Licht auf diese Zeilen werfen:
    Der erste Satz der Zeile führt zur zweiten Zeile hin und bestärkt diese nur in der Aussage. Die Uhren schwiegen, weil Zeit unbedeutend geworden ist. Diesen Ansatz erkenne ich durch ein Erlebnis mit meiner Mutter. Damals starb meine Großmutter und meine Mutter wollte nicht wahrhaben, dass die Welt einfach so weiter geht. Die Zeit solle einmal stehen bleiben, weil hier nicht gilt, dass selbige alle Wunden heilt. Zeit ist in dem Thema so verdammt unbedeutend, im krassen Gegensatz zu der Zeit vor dem Tod. Da ist Zeit das Wertvollste, was man besitzen kann, wenn man sie nutzt. Doch der Umgang mit dem Tod macht Zeit so aussichtslos und unbedeutend, weshalb die Zeit hier praktisch zum Erliegen kommt. Für mich ist dieses Thema ein ganz sensibles Gebilde, das ich auch hier nicht perfekt beschreiben konnte. Es wirkt so, als würde die Stille die Zeit einer irreversible Trennung einfach nichtig machen.

    Liebe Grüße, Michael S.

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  2. "So still das alle Uhren schreien"

    klingt besser finde ich, imho

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  3. Für mich ging es in dem Lied schon immer um einen Verlust eines geliebten Menschen. Und zwar nicht im Sinne von Trennung, sondern Tod. War für mich irgendwie klar. Kommt aber vielleicht daher, dass ich nie sehr meinen Ex-Freundinnen nachgetrauert habe, und mir deshalb diese Gefühle in diesem Kontext fremd sind. ;)

    Zu "als Stille bei uns wohnte anstatt dir.": Du hast grundsätzlich recht, wenn Du sagst, das ist grammatikalisch nicht korrekt. Und normalerweise würde ich Dir hier auch recht geben, aber irgendwie kann ich es nicht. Ich finde, das passt sogar sehr gut. Mag aber vielleicht auch damit zusammenhängen, dass ich aus Bayern komme, und wir allgemein die Grammatik nicht so ernst nehmen. Das kannst Du zwar nie nicht glauben, aber dennoch ist es so. ;)

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  4. Hallo,

    ich habe deine Textkritik auch sehr interessant gefunden.
    Zu dem grammatikalischen Problem, das auch schon mein Vor-Kommentator angesprochen hat:
    "Als Stille bei uns wohnte anstatt dir" steht in diesem Fall nicht nur um des Reimes willen in den Lyrics, sondern es ist tatsächlich richtig. Es heißt zwar "wer oder was wohnt bei uns?", worauf man die Antworten "Stille" oder eben "du" im Nominativ bekommt. Von daher würde deine Annahme also stimmen. Allerdings darf man das Wörtchen "anstatt" nicht außer Acht lassen - es handelt sich hierbei nämlich um eine Präposition, die ursprünglich den Genitiv verlangte (anstatt wessen? => anstatt deiner). Mittlerweile ist es aber eher üblich, den Dativ zu verwenden, weshalb es tatsächlich heißt: Anstatt wem wohnte (die) Stille bei uns? => Anstatt DIR. "Anstatt du" ist aufgrund der Kasusrektion unmöglich.

    Liebe Grüße,
    Claudia

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    1. Hallo Claudia, wo Du Recht hast, hast Du Recht. Ich habe mich beim Rechtschreibpapst Bastian Sick rückversichert und er bestätigt Deinen Hinweis. Danke dafür. Da er das Ganze sehr schön geschrieben hat, werde ich ihn oben in der - dank Dir - korrigierten Fassung zitieren.

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  5. Zur Phrase, wonach "alle Uhren schweigen", gibt es eine megasimple Erklärung: In einigen Kulturkreisen wurde (und wird bis heute!) die Uhr abgestellt, in dem Moment, wo jemand starb/stirbt. Gerade im Zeitalter von großen Standuhren hatte diese Handlung große Bedeutung, denn in der Tat schwieg die sonst laut tickende Uhr. Deswegen finde ich die Phrase sehr treffend und sinnbildhaft. Man stelle sich eine auf einmal verstummte Uhr vor - dazu die Tote daneben. Vielleicht dazu ein mit Tuch verdeckten Spiegel. Stiller kann es dann nicht werden...

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  6. Die Uhren schweigen, die Zeit kam zum erliegen...
    Neben der 'physikalischen' Zeit gibt es ja auch die 'gefühlt' Zeit, die zwischen den Sekunden vergeht...
    Ich bin da voll bei ihm, dass sich die Zeit ins unendliche dehnt und jede Sekunde wie eine Ewigkeit vorkommt, da der Schmerz, einen geliebten Menschen zu verlieren unendlich ist (ich habe meinen Sohn verloren - ich kann jede der Zeilen nachfühlen)...

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