Donnerstag, 29. Mai 2014

Olaf Malolepski „Ich mach's wie die Sonnenuhr“


Olaf wer? Als die Flippers 2009 bekanntgaben, dass ihre nächste Tournee die letzte sein würde, ging ein hörbares Aufatmen durch das Land. Der ganze Spuk dauerte noch bis 2011, in der Sendung „Das Frühlingsfest der Volksmusik“ wurde die Band dann am 9. April durch Alfred Biolek mit einer Laudatio verabschiedet. Ende im Gelände? Leider nein, denn Olaf Malolepski, einer der drei Herren mit den quietschbunten Sakkos, hatte noch nicht genug. Im selben Jahr erschien sein erstes Soloalbum, was darauf schließen lässt, dass er nie vorhatte aufzuhören. Auch wenn es einem in den Fingern juckt, sich über Olaf der Flipper (!) hier auszulassen, ihn in der Luft zu zerreißen, seine Musik zu verhöhnen und die billigen Produktionen samt Plastikkeyboardsounds und Drumcomputern aus den Achzigern zu geißeln, darf man doch leider nicht vergessen, dass Olaf nur ein Interpret ist. Er schreibt seine Texte nicht, er komponiert nicht, er trällert nur und das zur Freude von Hunderttausenden, die seine Platten reflexartig kaufen, so wie sie es schon taten, als er noch bei den Flippers in die Kamera grinste.
Ich wollte schon immer einen Schlager besprechen, dass es nun die Texterin von Herrn Malolepski trifft, verdankt sie dem Umstand, dass ihr Klient neulich in einer Talkshow saß, in welcher ein Ausschnitt des Titeltracks seiner aktuellen Langrille gespielt wurde.

Allein schon der Titel „Ich mach's wie die Sonnenuhr“ lädt zum träumen ein, denn was macht so eine Sonnenuhr? Sie wirft Schatten. Und wer würde nicht gern einen langen Schatten werfen, anstatt im selbigen eines Anderen zu stehen. Aber schauen wir mal, was die Profitexterin daraus macht.

Uns stehen alle Wege offen,
wir haben hundert Jahre Zeit
aus diesem Leben was zu machen,
ja, das klingt wie eine Ewigkeit.

Ja, das klingt vor allem wie ausgemachter Blödsinn, denn wer die Statistiken kennt weiß, dass nur die wenigsten von uns 100 Jahre haben werden und die, die so alt werden, verbringen die letzten Jahre auch nicht immer walzertanzend auf einer Terrasse am Mittelmeer. Allerdings soll Schlager in aller erste Linie Trost spenden und Lebenshilfe sein, also gehört Übertreibung des Guten zum Programm.

Wir klettern über hohe Berge
und schwimmen durch so manches Tal,
mit meinem Kompass in der Hand
gelingt mir das auf jeden Fall.

So klappern die Klischees und mir ist natürlich klar, dass Berg und Tal hier die Hindernisse und Tiefen im Leben sind, dass man eine Einstellung im Leben haben kann, die einem hilft, mit allem fertig zu werden. Trotzdem muss man sauber mit den Bildern arbeiten, die man verwendet. In meinem Kopfkino klettern nämlich jetzt hundertjährige Rentner mit Krücken über hohe Berge und sind dazu verdammt, nie ans Ziel zu kommen, denn kaum hat man einen Berg hinter sich gelassen, ragt der nächste vor einem auf. Viel schlimmer jedoch wird es in Zeile zwei, denn wie bitte schwimmt man durch ein Tal? Man kann durch einen Fluss schwimmen oder durch einen See, manche von denen soll es sogar in Tälern geben, aber durch ein Tal wandert man, basta. Olaf ist inzwischen 68 Jahre alt, deshalb nehmen wir ihm mal ab, dass er nicht mit GPS sondern noch althergebracht mit Kompass wandert, von dem die Texterin ganz besessen ist, wie wir noch sehen werden.

Ich mach's wie die Sonnenuhr
und seh die schönen Stunden nur
die der Tag mir verspricht
mit einem Lächeln im Gesicht

Aha. Klar, Schatten wäre ja auch zu negativ. Die Sonnenuhr sieht die schönen Stunden nur. Das leuchtet ein. In diesen vier Zeilen hat man das Lebensgefühl Schlager in konzentrierter Form: Wenn man die Worte Sonne, schöne Stunden, Tag, Versprechen, Lächeln in eine Reihe stellt kann nur eines dabei herauskommen: Gute Laune.
Ich gehe davon aus, dass diese ersten zwei Zeilen den ganzen Text in Gang gesetzt haben. Der lyrische Grundeinfall des Textes wenn man so will.

Ich mach's wie die Sonnenuhr,
dann wird das Leben Abenteuer pur,
Leinen los, Fahrt voraus,
so machen wir das Beste draus.

Auch so ein Gesetz im Schlager: Refrain bis der Arzt kommt. Also wird er gleich noch einmal wiederholt und von der Texterin ambitioniert variiert. Absolut rätselhaft ist mir jedoch, wie aus der Tatsache, dass man nur die schönen Dinge im Leben an sich heran lässt, ein Leben voller Abenteuer erwächst? Am Mangel an Reimmöglichkeiten auf Uhr kann es nicht gelegen haben, denn es gäbe da zum Beispiel noch das wunderbar positive Wort Dur. Ich vermute, dass der Kompass seinen Tribut forderte, deshalb auch Leinen los und freie Fahrt voraus, Seemannslieder haben gerade Hochkonjunktur und der Produzent fand es sicher auch ganz toll so.

Ich stehe nicht auf kluge Sprüche:
tu blos nicht dies und auch nicht das“,
zu jedem Weg gehören Fehler,
verrückte Träume machen Spaß.

Wir erinnern uns an den Kern der Textidee: Ich sehe nur das Schöne im Leben, wie die Sonnenuhr nur die schönen Stunden anzeigt. Was dabei herauskommt, wenn man eigentlich keinen Bock hat, sich mit dieser Simpelbotschaft weiter auseinanderzusetzen, zeigt diese Strophe. Erst werden Leute zitiert, die uns gar nicht interessieren, dies und das wird nicht weiter ausgeführt und dann auch noch behauptet, dass verrückte Träume Spaß machen. Erzähl mir das mal einer, wenn ich wieder mal schweißgebadet aus meinem immer wieder kehrenden Albtraum aufwache, in dem ich die Bühne vor dem Auftritt nicht finde.

Wir können siegen und verlieren
so ist's für alle vorgeseh'n
mit meinem Kompass in der Hand
werde ich nicht untergeh'n

Sie können singen und verdienen, so ist's für Olaf vorgeseh'n. Und alle klopfen sich auf die Schenkel, wenn banale Sätze wie diese sich in goldene Schallplatten verwandeln. Der Kompass hat noch einmal einen großen Auftritt. Wie zum Teufel aber hilft der einem beim Schwimmen, wo man doch dazu tunlichst beide Hände benutzen sollte? Ich hoffe er ist nicht zu schwer, sonst zieht er Olaf wohlmöglich noch in die Tiefe.

Stehen auch die Zeiger nicht still,
das ist mein Lebensgefühl,
noch einen Schritt weiter bis an's Ziel.

Zeiger? Seit wann haben Sonnenuhren Zeiger? Klar, ich hab auch verstanden, dass es um die voranschreitende Zeit geht, aber sollte man in einem Text mit Sonnenuhr nicht etwas wählerischer sein in der Wahl der Bilder? Und weil ich schon so viele Fragen auf den Lippen hatte, hier gleich noch eine: Welches Ziel? Die nächste goldene Schalplatte, das Ende dieses Liedes, die Schlagerrente, die hundert Jahre voll machen und endlich abtreten?

Fazit: Schlagertexte zu besprechen ist nicht halb so lustig, wie ich es mir vorgestellt habe.

Freitag, 23. Mai 2014

Rammstein „Sehnsucht“


Ich bin nicht der größte Rammsteinfan den die Welt je gesehen hat, aber ich hege große Bewunderung und Respekt für die Band, die sich einst aus der Asche von Feeling B erhob. Ich hatte das Glück, sie erstmals 1995 als Vorgruppe von Sandow im Potsdamer Lindenpark erleben zu können. Damals versuchte sich Till noch an Ansagen. Dies war die einzige Schwäche einer Band, die wie eine Naturgewalt den vermeintlichen Hauptakt von der Bühne fegte. Ihr Debüt „Herzeleid“ tat sich am Anfang schwer, die Band war ein Geheimtip und wurde in Deutschland zunächst wenig beachtet. Als sie in Holland auf dem Index landeten, schwappte eine Medienwelle zurück nach Deutschland und es ging Berg auf. Mit dem zweiten Album „Sehnsucht“ und der Single „Engel“ wurden sie nicht nur zu Superstars, sondern auch zur meistdiskutierten Band Deutschlands. Das ganze Gedöns um die Neue Deutsche Härte und ihr Spiel mit Rechtsextremismus (lange her) soll hier außen vor bleiben.
Mit dem Titel „Sehnsucht“ verbindet mich eine ganz persönliche Anekdote. Ich war 1997 in eigener Sache unterwegs, denn es war gerade unser Album „Bannkreis“ erschienen. Ich unterhielt mich mit einer sehr bekannten Promoterin über den Titel und sie erzählte mir, dass sie den Titel sehr mochte, weil er von Fernweh handeln würde und auch sie würde sich schon auf den nächsten Urlaub freuen.
Alle, die auch dieser Meinung sind, sollten an dieser Stelle aufhören zu lesen, es könnte sein, dass die folgende Lektüre sonst als verstörendes Erlebnis enden wird.

Die Texte, die Till Lindemann für Rammstein schreibt, bilden ein kleines, eigenes Universum. Ich bin oft gefragt worden, ob ich nicht diesen oder jenen Text der erfolgsverwöhnten Berliner Band interpretieren würde. Ich habe mich lange davor gedrückt und tue mich auch hier schwer mit der Aufgabe. Ich werde erklären warum: Till Lindemann ist ein sehr interessanter Texter. Er arbeitet gern mit sauberen Reimen und zackigem Metrum. Außerdem hat er ein Ohr für Wortspiele und wie jeder echte Ossi auch ein Herz für Poesie. Till ist Baujahr 1963 und dürfte in seiner Jugend ungefähr das gleiche Zeug wie alle anderen seiner Genration in der DDR gehört haben: metaphernreiche Texte.
Der Stil, der sich bei ihm entwickelt hat, geht in vielen Fällen über die bloße Metapher hinaus. Er schreibt teilweise in Chiffren. Metaphern sind Bedeutungsübertragungen. In den meisten Fällen erklären sie sich von selber oder greifen auf allgemeine kulturelle Bezüge zurück, die man schnell entschlüsseln kann. Wenn man den Mond als angebissenes Stück Käse in der Himmelsfalle beschreiben würde, dann wäre das eine astreine Metapher. Chiffren sind weit komplizierter. Es sind verschlüsselte Inhalte, deren Interpretation nur gelingt, wenn der Autor einem den entsprechenden Schlüssel in die Hand gibt. Im Fall von Till Lindemann, der notorisch schweigsam ist, gibt es sehr wenige Schlüssel. Außerdem ist er so unfair, bestimmte Worte in unterschiedliche Chiffren zu verwandeln. So kann eine Träne eben noch ein Ausdruck für Leid sein, im nächsten Augenblick ist es Sperma oder, wie wir weiter unten sehen werden, möglicherweise etwas ganz anderes.
Dies hat dazu beigetragen, dass es im Netz ein nahezu unglaubliche Menge von Spekulationen, Interpretationen und Blödsinn zum Thema Bedeutungen von Rammsteintexten gibt. Mit meiner Besprechung von „Sehnsucht“ werde ich diesem Wust nur einen kleinen Partikel hinzufügen können, allerdings ist es nur mein Versuch, mich einigen Chiffren in diesem speziellen Text zu nähern und solange Till weiter schweigt, halten wir uns wie echte Germanisten eben an den Text.

Da ich im Besitz des original Booklets bin, kann jeder davon ausgehen, dass ich hier buchstabengetreu den Text wiedergebe. Im Netz finden sich einige fehlerhafte Varianten. Wie ich zeigen werde, können einzelne Buchstaben sehr wichtig sein.

Lass mich deine Träne reiten
übers Kinn nach Afrika
wieder in den Schoß der Löwin
wo ich einst zuhause war
zwischen deine langen Beine
such den Schnee vom letzten Jahr
doch es ist kein Schnee mehr da

So steht es im Booklet. Wichtig: „Träne“ nicht „Tränen“ und „zwischen deine langen Beine“ und nicht „zwischen deinen langen Beinen“.
Mein Interpretationsansatz ist nicht Fernweh sondern Sex. Und zwar nicht Blümchensex sondern knallharter Sex, der trotzdem keine Erfüllung bringt. Die Chiffren im ersten Block sind Träne, Kinn, Afrika, Schoß der Löwin. Ich gehe davon aus, dass es sich hier um verschlüsselte anatomische Angaben handelt. Die Reise geht über mehrere Stationen und das lyrische Ich berichtet, wohin es gelangt: „zwischen deine langen Beine“. Der Schoß der Löwin wäre demnach die weibliche Schamgegend. Afrika wäre ein südliche Region, die damit korrespondiert. Die Träne bereitet mir Kopfzerbrechen. Eine zeitlang dachte ich es könnte sich auf Grund der Form dabei um die Klitoris handeln. Immerhin steht die Träne in der Einzahl und „deine Träne reiten“ wäre dann selbsterklärend. Aber warum übers Kinn? Vielleicht beginnt der Geschlechtsakt ja oral. Wie gesagt: Chiffren brauchen Schlüssel und ich habe hier keinen parat.
Wenn wir uns Satzzeichen hinzudenken würden, ginge das ganze Satzkonstrukt erst einmal bis einschließlich Zeile 5, dann könnte man ein „Ich“ einfügen (das hat der Texter wegrationalisiert, weil er im Metrum bleiben wollte) und neu ansetzen.
„Ich such den Schnee...“ Hier also die nächste Chiffre. Schnee steht im allgemeinen für das Rauschmittel Kokain. Es ist ziemlich naheliegend, dies auch als Interpretation anzuwenden. Kokain ist eine Droge, die mit Sex kombiniert sehr stimulierend sein soll. Das lyrische Ich im vorliegenden Text jedoch kommt so oder so nicht zum ersehnten Rauschzustand. Es wäre aber auch möglich, hinter der Chiffre Schnee Sperma zu vermuten. Vielleicht hat das lyrische Ich nicht zum ersten Mal Sex mit der Person, in diesem Fall sollte man sehr froh sein, wenn man keinen Schnee vorfindet.

Lass mich deine Träne reiten
über Wolken ohne Glück
der große Vogel schiebt den Kopf
sanft in sein Versteck zurück
zwischen deine langen Beine
such den Sand vom letzten Jahr
doch es ist kein Sand mehr da

Till Lindemann liebt es von Zeit zu Zeit mechanisch vorzugehen. Das gesamte textliche Konstrukt wiederholt sich, Zeile 1 und 5 sind identisch, in den letzen beiden Zeilen wird wieder gesucht und nicht gefunden. Im Zusammenhang mit der zu reitenden Träne verwandeln sich „Wolken ohne Glück“ auch wieder in eine Chiffre, für die ich keine schlüssige Interpretation habe. Das Gefühl, welches diese Zeile jedoch erzeugt ist klar: Die Erfüllung, das Happy End, bleibt dem lyrischen Ich versagt. Dafür macht es uns der Texter mit dem „großen Vogel“ recht einfach, auch wenn die Gleichsetzung des männlichen Gliedes, das in eine Vagina eindringt, mit dem Kopf eines Vogels (Strauß = langer nackter Hals und Kopf?) wenig schmeichelhaft ist. Dafür ist der Sand wiederum noch verwirrender als der Schnee aber er korrespondiert mit Afrika, welches man sich klischeehaft als trockenes Land vorstellt.

Sehnsucht versteckt
sich wie ein Insekt
im Schlafe merkst du nicht
dass es dich sticht

Recht spät startet der Refrain des Liedes, diesmal nicht mit einer Chiffre sondern mit einem Gleichnis und zwar mit einem etwas holprigem. Abstrakte Begriffe mit konkreten Begriffen zu vergleichen, kann leicht in die Hose gehen. Sehnsucht ist ein Gefühl. Wie soll es sich bitte unter einem Stein oder in einer Baumritze verstecken? Aber da Insekten immer auf der Seite des Teufels stehen und der Reim so schön knallt, geht das schon in Ordnung. So sticht denn die Insekt gewordene Sehnsucht das lyrische Ich im Schlafe und was ist das für eine Sehnsucht? Die Sehnsucht nach Analverkehr! Denn:

Glücklich werd ich nirgendwo
der Finger rutscht nach Mexiko
doch er versinkt im Ozean
Sehnsucht ist so grausam
Sehnsucht

Spätestens seit Mickie Krauses „Finger im Po, Mexiko“ wissen wir wo Mexiko auf der anatomischen Landkarte liegt. Der Finger hat dort eine wichtige Rolle beim Vorspiel, der Rest ist Schweigen. Leider beschert uns dieser Interpretationsansatz die nächste Chiffre, denn in welchem Ozean versinkt der Finger? Nun, ich glaube ich war schon deutlich genug, deshalb überlasse ich dieses Rätsel dem geneigten und inzwischen sensibilisierten Leser.

Fazit: Keiner singt so gekonnt über sexuelle Praktiken außerhalb der Norm wie Till Lindemann. Möglich jedoch, dass das alles nur ein Missverständnis ist, denn auch Rockstars machen gern mal Urlaub an weißen Stränden.

Montag, 12. Mai 2014

Blumfeld „Wellen Der Liebe“




Als ich letzte Woche in den Niederungen der Hamburger Schule recherchierte, stolperte ich über den hier annoncierten Text. „Wellen der Liebe“ stammt vom 2001 erschienenen Album „Testament der Angst“. Rufen wir uns zunächst ins Gedächtnis, dass sich die Hamburger Schule vor allem durch deutschsprachige Texte auszeichnet, „denen oft ein hoher intellektueller Anspruch zugemessen wird und die umfangreich mit Gesellschaftskritik, linkspolitischer Einstellung und postmodernen Theorien verbunden sind.“ (Quelle Wikipedia) Die Band Blumfeld ist dabei nicht irgendeine Kapelle, sondern zählt neben Tocotronic und Die Sterne zur Speerspitze. Kann man einem so hohen Anspruch, wie er oben formuliert ist, durchgängig gerecht werden?

Das soll ich sein
Ich schlag ins Wort ein

Nach diese ersten zwei Zeilen muss man erst einmal die Stoptaste drücken. Ich habe nächtelang über diesen Worten gebrütet und bin zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen. Also nähern wir uns dem Inhalt ganz methodisch: Der Text ist aus der Ich-Perspektive geschrieben. Das lyrische Ich fragt also „Das soll ich sein?“, ganz so als würden Hinz und Kunz morgens vor dem Spiegel stehen. Was würden Hinz und Kunz dann sagen? „Alter siehst du heut wieder Scheiße aus!“ Der intellektuell geschulte norddeutsche Musiker hält sich mit solcherlei Banalitäten nicht auf und kontert: „Ich schlage in das Wort ein“.
Zur Wortbedeutung von „einschlagen“ fallen mir zwei Varianten ein: 1. Durch Schlagen etwas zertrümmern, 2. per Handschlag einen Handel besiegeln.
Ich lehne mich mal aus dem Fenster und lege mich auf die erste Wortbedeutung fest. Außerdem nehme ich an, dass das Wort, welches eingeschlagen werden soll, das Wort „Ich“ ist. Das Ich zertrümmert das Ich. Und zwar nicht im wörtlichen Sinn, denn es werden keine Spiegel zerschlagen oder Köpfe an die Wand gehauen bis sie bluten. Nein, es muss sich um ein postmodernes Zertrümmern des Ich-Begriffes in einer vollkommen entfremdeten Welt, die von Dekadenz und des Nihilismus geprägt ist, handeln. Alles klar? Nein? Mir auch nicht.

Alles spricht gegen mich
Doch so war es immer
Das soll für dich sein
Ich will dir nah sein
Ich weiß, ich bin nicht gut genug
Doch bitte bleib bei mir
Ohne dich ist das Leben nur kalt und leer
Ohne dich nimm Deine Liebe nicht von mir

Moment mal, ist das aus dem gleichen Lied? Na gut, der Song trägt den Titel „Wellen der Liebe“, die Richtung war also schon mal vorgegeben. Geht es nur mir so, oder könnte das auch aus einem Schlager sein? Meine Damen und Herren, es ist 2001 und hier ist Bernhard Brink mit seinem neuen Titel „Nimm deine Liebe nicht von mir“!
Blumfeld sind Experten für Lieder über Beziehungen und Liebe. Natürlich darf und muss man über Liebe singen, aber wenn man am Anfang des Textes einen stählernen Nagel in die Wand schlägt nur um daran einen fadenscheinigen Mantel aufzuhängen, fühle ich mich verschaukelt.

Wellen der Liebe
In guten wie in schlechten Zeiten
Will ich dich lieben und mit dir leben Tag für Tag
Manchmal kann ich dich nicht ausstehen
Manchmal ist es mir zuviel
Doch nichts ist stärker als die Liebe, die ich fühl

Wäre da nicht dieser leicht derangierte, studentische Unterton in der Zeile: „Manchmal kann ich dich nicht ausstehen“, dieser Hauch von Realität, man würde am Zucker glatt ersticken.

Das soll ich sein
Ich schlag ins Wort ein
Zeichen und Fleisch zugleich
Und nur noch wenig Welt vor mir

Für alle die zu spät eingeschaltet haben und jetzt denken Nino de Angelo würde hier singen, wird der postmoderne Nagel noch eimal bemüht. Doch damit nicht genug, jetzt wird das Wort auch noch Zeichen und Fleisch. Das Wörter Zeichen sind ist semiotisches Einmaleins. Zeichen deuten auf etwas hin, das Wort „Ich“ deutet auf die Person die es benutzt und woraus sind wir? Aus Fleisch. Das ist so unappetitlich wie es wahrhaftig ist, aber was um alles in der Welt macht das in einem ansonsten rosaroten Popsong über die wahre Liebe?

Das soll für dich sein
Du fängst das Licht ein
Durch dich weiß ich, was Liebe heißt
Auch wenn der Alltag uns stumm macht
Jeder Tag, den wir beide zusammen sind
Jeder Tag mit dir macht meine Liebe neu

Jetzt fassen wir mal zusammen: Dass lyrische Ich scheint schon etwas älter zu sein, denn es hat nur noch wenig Welt vor sich (es sei denn es segelt gerade über den Rand der Welt, aber das scheint mir zu weit hergeholt), es lebt in einer Beziehung mit einer Person, die das Licht einfängt. Allerdings macht der Alltag die Beiden stumm und machmal kann das lyrische Ich den Partner gar nicht ausstehen und es ist ihm alles zu viel. Dann fühlt es sich schuldig und sagt: „Ich bin nicht gut genug, so war es immer aber (siehe weiter unten) ich arbeite an mir und bitte, bitte geh auf keinen Fall weg!“ Wenn man so drüber nachdenkt, kommt man schlecht drauf. Da würde man gern mal was einschlagen und sei es nur ein Wort.

Das soll ich sein
Ich schlag ins Wort ein
Ich weiß, ich bin nicht gut genug
Doch ich arbeite an mir
Das soll für dich sein
Ich will dir nah sein
Alles spricht gegen mich
Doch bitte bleib bei mir

Laber, laber, alles gesagt. Und ganz außer Konkurrenz: Hat jemand einen weiteren Reim als den von „sein“ auf „ein“ und „zuviel“ auf „fühl'“ gefunden? Ich nicht.

Fazit: Man kann eine Reproduktion der Engel von Raffael (ihr wisst schon, diese zwei süßen, knuddeligen, kleinen Putten) hernehmen und große schwarze Tintenklexe draufhauen. Wer es schön findet, bitte. Aber verkauft das nicht als große Kunst, denn über den beiden Figuren ragt noch zwei Meter fünfzig die sixtinische Madonna auf.

Montag, 5. Mai 2014

Tocotronic „Kapitulation“

Bisher habe ich mich relativ lustvoll an schlechten Texten abgearbeitet oder auch sprödes Lob verteilt. Beim hier vorliegenden Text ist die Sache nicht so einfach. Handwerklich gibt er nicht viel her, aber die Band kann, wenn man das Œuvre betrachtet, durchaus auch sauber reimen und poetisch sein. Im vorliegenden Fall findet man davon wenig, aber vielleicht ist das Manko ja Programm.

Das Gesamtpaket Tocotronic ist für mich leider immer ein Abturner gewesen. Zu sehr wurde das Bild vom leicht anämischen Intellektuellen strapaziert, der reflexartig dementierte, wollte man bei ihm eine Haltung verorten. Ihre Vorliebe für schief geschrammelte Gitarren tat ein Übriges. Auch wenn die Band seit einiger Zeit aus meinem Sichtfeld verschwunden ist, so wirkt und webt sie auch heute noch.
Mitte der 90er Jahre spülte eine weitere Neue-Deutsche-Welle, die den Stempel Hamburger Schule bekam (ein Grund, sofort zu dementieren), die Band an die Spitze der Charts. Erheiternd und konsequent zugleich, dass die Band 1996 einen ihr zugedachten Comet in der Kategorie „Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben“ ablehnte. Der Titel des damals aktuellen Albums lautete schließlich nicht „Wir kommen, um abzusahnen“ sondern „Wir kommen, um uns zu beschweren“. Dafür gilt es, Respekt zu zollen.
Bei all den sehr bemühten Anstrengungen, weder bemüht noch angestrengt zu wirken, ist es den Textern (die Band komponiert und schreibt im Kollektiv, wobei Sänger Dirk von Lowtzow federführend sein dürfte) gelungen, einige überstrapazierte Themen neu zu interpretieren. Der dabei angewendete Kunstgriff ist so einfach wie wirkungsvoll: Man dreht das Klischee auf links, krempelt das Innere nach außen, bürstet es gegen den Strich. Schauen wir uns „Kapitulation“ genauer an:

Und wenn du kurz davor bist
Kurz vor dem Fall
Und wenn du denkst
"Fuck it all!"
Und wenn du nicht weißt
Wie soll es weitergehen:

Kapitulation

Ziemlich unspektakulär eigentlich. Die Versatzstücke sind abgegriffen und austauschbar: Keine Ahnung wie es weiter gehen soll, Niemand ist da, der einen versteht, man ist traurig und allein (siehe weitere Strophen). Normalerweise müsste im Refrain eine Durchhalteparole kommen. So etwas wie: Nach Regen kommt die Sonne, Zeit heilt alle Wunden, es kann und wird nur besser werden. Die Toten Hosen haben es mit „Steh auf, wenn du am Boden bist“ vorgemacht (ein Song der geradezu danach schreit, hier besprochen zu werden).
Aber es kommt das Wort „Kapitulation“. Ein Grund zum Hinhören und Nachdenken. Für mich steckt da ziemlich viel drin. Wir stemmen uns stetig gegen die Widrigkeiten des Alltags, kämpfen um Glück und Erfolg und wenn es mal nicht so gut läuft, dann ist das ein Grund die Anstrengungen zu verdoppeln. Oder man kapituliert. Das Wort ist negativ besetzt. Es klingt nach verlieren, nach versagen. Aber man kann es auch als Chance begreifen. Eine Möglichkeit, sich unbeschadet zurück zu ziehen, nicht alle Truppen in einen hoffnungslosen Kampf schicken, sich neu sortieren, sich frei machen, von den Erwartungen Anderer.

Und wenn du denkst
"Alles ist zum speien!"
Und so wie du jetzt bist
Willst du überhaupt nicht sein
Wenn du dir sicher bist
Niemand kann dich je verstehen:

Kapitulation

Inhaltlich finden wir nichts Neues, das wird auch bis zum Ende so bleiben. Pulver verschossen. Jetzt gilt es, das Bild mit Farben auszumalen.
Nett, wie die norddeutschen Musiker den süddeutsch verbreiteten Ausdruck „speien“ verwenden. und darauf die Zeile „so willst du nicht sein“ reimen. Erheiternd.
Auffällig, dass sich die jeweils letzten Zeilen der drei Strophen reimen. Für einen Song ist das zu weit auseinander, das Ohr erinnert sich dann nicht mehr. Aber das Auge nimmt so etwas als wohltuend strukturell wahr (nennt man übrigens Schweifreim). Ich glaube, dies lässt Rückschlüsse auf die Arbeitsweise zu.

Und wenn du traurig bist
Und einsam und allein
Wenn die Welt im Schlaf versunken ist
Du wirst es nie bereuen.
Wenn du denkst, "fuck it all
wie soll es weitergehen?":

Kapitulation

Ein Lyriker hätte sich diese Zeilen geklemmt. Aber Pop braucht Strophen. Wie gesagt: Inhaltlich kommt nichts Neues und so zentral „fuck it all“ auch in der Hamburger Schule verankert sein mag – das hatten wir schon.

Die Vögel im Baum
sie kapitulieren

Die Füchse im Bau
sie kapitulieren

Die Wölfe im Gehege
sie kapitulieren

Die Stars in der Manege
sie kapitulieren

Ich habe keine Ahnung wie die Tiere und die Stars in der Manege in den Text gekommen sind. Entweder die Texter haben sich treiben lassen oder es dient der Ironisierung. Vielleicht war es auch die Reihe Baum, Bau, Gehege, Manege, die es ihnen angetan hat.
Dabei ist der Reim von Manege auf Gehege natürlich kein Reim, auch wenn jede Reimmaschine im Internet ihn ausspucken würde. Der oberste Richter beim Reim ist nun einmal das Ohr und nicht das Auge. Berühmt ist das Beispiel von Goethe, der einmal „Ach, neige / du Schmerzenreiche“ reimte, was in seiner thüringischen Wahlheimat einen perfekten Reim ergab.

Alle, die die Liebe suchen
sie müssen kapitulieren

Alle, die die Liebe finden
sie müssen kapitulieren

An der Stelle muss jeder für sich entscheiden, wie er die oben genannten Gedanken zum Thema Kapitulation an sich heran lassen will. Wir alle wollen lieben und geliebt werden. Kann es dabei Sieger und Verlierer geben? Oder sind Kapitulierer die Besserliebenden?

Alle, die disziplinieren
sie müssen kapitulieren

Alle, die uns kontrollieren
sie müssen kapitulieren

Alle, die uns deprimieren
sie müssen kapitulieren

Lasst uns an alle appellieren
Wir müssen kapitulieren

Kapitulation

Na ja, da schlägt das Hamburger Schanzenviertel durch. Für viele Leute bedeutet links zu sein, die Faust nach oben zu recken und kräftig zu schütteln, aber die, die uns deprimieren, werden ja hoffentlich nicht Tocotronic selber sein.

Fazit: Tocotronic schreiben Texte, die sich schlau geben, es machmal sogar sind. Was davon bei „Kapitulation“ zutrifft, mag jeder selber entscheiden.

Dienstag, 22. April 2014

Cassandra Steen feat. Adel Tawil „Stadt“



In diesem Fall haben wir es mit einer klassischen Konstellation zu tun: Komponisten und Produzenten arbeiten zusammen, eine professionelle Textautorin wird hinzugezogen, ein Song entsteht, der dann von Gesangskünstlern interpretiert wird. Ich kenne solche Gegebenheiten auch. Meist geht es sehr hektisch zu, besser gestern als heute soll der Song der Plattenfirma vorgelegt werden, die entscheidet ob die Single was taugt, jede Menge Leute reden mit und am Ende ist das Ergebnis meist ein Zufallsprodukt, machmal wird dieses ein Hit. Die Autorin des folgenden Textes hat für viele Künstler gearbeitet und Besseres als das hier abgeliefert. Da sie weder mit eigener Webseite noch mit einem Facebookauftritt aufwartet, soll ihre Identität hier keine Rolle spielen. Es geht wie immer nur um den vorliegenden Text.

Es ist so viel, so viel zu viel
Überall Reklame
Zuviel Brot und zu viel Spiel
Das Glück hat keinen Namen

Wenn ein Text so anfängt, dann gehen bei mir gleich die Alarmsignale an. Ein Dozent im Studium prophezeite einst, dass es zukünftig neue Steigerungsformen in der deutschen Sprache geben würde. Ein Vorbote damals war der SAT1 FilmFilm. Nun also „so viel, so viel zu viel“.
Es wird ein Betroffenheitstext, so viel, so viel ist gleich klar. Die Missstände unserer Zeit werden angeprangert. Anscheinend wurde man mit den Liedermachern der 70er Jahre sozialisiert. In wenigen Worten wird unser Konsumverhalten, die moderne Medienwelt und die Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft an den Pranger gestellt. Ganz schön viel Tobak für einen Popsong aber Nicole hat es ja vorgemacht: Man kann mit Liedern auch den Weltfrieden retten. Bleibt nur die Frage: Was bedeutet „Das Glück hat keinen Namen“? Kennt irgendwer ein Glück, das Heike heißt oder Manfred? Sehr kryptisch, oder einfach nur verbales Getöse.
Was mich außerdem noch stört ist dieser merkwürdige Nachhall, den die Wortverbindung „Brot und Spiele“ bei mir erzeugt. In der heutigen Bedeutung bezeichnet sie „die Strategie politischer (oder industrieller) Machthaber, das Volk mit Wahlgeschenken und eindrucksvoll inszenierten Großereignissen von wirtschaftlichen oder politischen Problemen abzulenken. (Quelle Wikipedia)“ Da wird mit dem Zeigefinger für mich unangenehm nach oben gedeutet. Ja, ja, die Politiker, die da oben, die machen sich die Taschen voll, arbeiten nicht, zerstören die Umwelt und verkaufen uns für dumm.

Alle Straßen sind befahren
In den Herzen kalte Bilder
Keiner kann Gedanken lesen
Das Klima wird milder

Wenn ich so etwas lese, dann kommt es mir vor, als würde man mir die Heisenbergsche Unschärferelation wie folgt zusammenfassen: Die Welt ist unscharf. Die Autorin hoffte anscheinend, dass, wenn sie so viel Banalität wie möglich in eine Strophe pressen würde, ein Diamant daraus entstünde. Eingequetscht zwischen den wachsenden Problemen durch die Verkehrsbelastung auf unseren Straßen und den daraus resultierenden Klimaproblemen (global natürlich), werden gleich noch die Herzen und Gedanken der Menschheit auf den Prüfstand gestellt. Und was finden wir? Kalte Bilder in den Herzen. Das klingt so deklamatorisch und wunderschön. Aber was bitte sind kalte Bilder? Bilder von Skipisten oder Winterwäldern? Nein, ich ahne, dass es sich um schmelzende Gletscher handelt, den das Klima wird ja milder. Aber haben wir diese Bilder nicht im Kopf oder vor dem geistigen Auge? Ich kann die Gedanken der Autorin nicht lesen. Keiner kann das!

Ich bau 'ne Stadt für dich
Aus Glas und Gold und Stein
Und jede Straße die hinausführt
Führt auch wieder rein
Ich bau eine Stadt für dich - und für mich

Fangen wir mal mit der grundlegenden Aussage an: Die Welt da draußen ist schlecht, aber weil wir Beide zusammen sind (Achtung: Duett) und was ganz Tolles haben, kapseln wir uns von der gemeinen Welt ab, bauen uns eine eigene Stadt in unseren Träumen, in unseren vier Wänden, was auch immer. So werden die Probleme der Umweltverschmutzung wohl nicht gelöst!
Aber bevor ich zu streng werde, begreifen wir den Text als das, was er wirklich sein will: Ein Liebeslied.
Der Gedanke, dass in einer Beziehung, einer starken Liebe, jede Straße die hinausführt auch wieder hineinführt, ist poetisch und kraftvoll. Gefällt mir.

Keiner weiß mehr wie er aussieht
oder wie er heißt
Alle sind hier auf der Flucht
die Tränen sind aus Eis

Boah, das ist wieder so klischeehaft, ich mag das gar nicht kommentieren. Tränen aus Eis müssen höllisch weh tun, aber sie korrespondieren mit den kalten Bildern im Herzen. Hier erkennt man den Profi. Nicht einmal das Argument reim dich oder ich fress dich zieht hier, denn es reimt sich nix.

Es muss doch auch anders gehen
So geht das nicht weiter
Wo find ich Halt, wo find ich Schutz
Der Himmel ist aus Blei hier

Leider geht es nicht anders, es geht immer so weiter. Hat jemand mal ein Taschentuch für den Sänger? Für den Schutz vor einem Himmel aus Blei empfehle ich einen Schutzraum, würde aber auf Glas verzichten. Das geht sonst nach hinten los.

Ich geb keine Antwort mehr
Auf die falschen Fragen
Die Zeit ist rasend schnell verspielt
Und das Glück muss man jagen

Ach ja, die falschen Fragen: Woher kommen wir, warum sind wir hier? Ist die Rente sicher? Werden zukünftige Generationen noch einen Planeten haben, den sie bewohnen können? Wie viele Platten verkauft man, wenn sich ganz viele Leute zusammen tun, die total was von Musik verstehen? Wird das nächste iPhone auch mit Android laufen?
Dazu rasende Zeiten und gejagtes Glück – man ist im Phrasenhimmel.

Eine Stadt in der es keine Angst gibt nur Vertrauen
Wo wir die Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbauen
Wo das Licht nicht erlischt
Das Wasser hält (? Textunverständlichkeit)
Und jedes Morgenrot
Und der Traum sich lohnt
Und wo jeder Blick durch Zeit und Raum in unsere Herzen fließt

Dieser letzte Teil muss auf Zuruf entstanden sein. Die ersten beiden Zeilen klingen noch so, als hätte die Autorin im Stil des vorhergehenden Gedöns weiter gemacht. Was dann folgt ist pures Gestammel, das sich jeder Interpretation entzieht. Wenn jemand bei den Aufnahmen dabei war, soll er mich mal aufklären (nicht über den Inhalt, über die Entstehung).
Irgendwie ist auch der tröstliche Gedanke, dass es im Kern ein Liebeslied ist, abhanden gekommen. Wenn man erst mal Mauern aus Gier und Verächtlichkeit abbauen muss, dann hätte man vielleicht erst gar keine Stadt für den Duettpartner bauen sollen. Also doch eine Stadt für uns alle, ohne Verkehr und Klimawandel, mit Menschen, die wissen wie sie heißen. Bin ich zu kleinlich?

Fazit: Solange Blicke durch Zeit und Raum in unsre Herzen fließen, wird es schlecht getextete Popsongs geben.

Montag, 14. April 2014

Revolverheld „Das kann uns keiner nehmen“



Die Band hat eine ziemlich klassische Karriere hingelegt und sich zunächst über Supporttouren und kleine Clubgigs ordentlich Hornhaut auf die Finger gespielt. Die smarten, Popakademie geschulten und irgendwie gecastet wirkenden Musiker sind im Studio und auf der Bühne Vollprofis, die ihren Job gelernt haben und alles was sie machen, richtig machen. Wirklich alles?
Ihre Karriere begann 2002, ein erstes Album erschien 2005. Auf der ersten Single „Generation Rock“ sangen sie noch recht ungestüm:

Und die Zeit tickt
Immer weiter, immer schneller
Das Leben dreht sich fast wie ein Propeller
Wenn Dich Rock kickt
Und Dir gefällt was Du hier hörst
Vergiss den Pop-Shit und komm mit uns mit

Schon die zweite Single war, ganz klassisch, eine Ballade, eine Teilnahme am Bundesvision Song Contest sorgte für weitere Aufmerksamkeit und so folgte eine weitere Ballade und die 1Live Krone (des WDR-Radiosenders Eins Live) als Bester Newcomer 2006. Mit deutlich glatterem Sound begann die Band, sich 2007 selbst Lügen zu strafen. Single auf Single folgte und mit dem dritten Album knallte der Pop-Shit dann richtig, als die Spatzen die Single „Halt dich an mir fest“ von den Dächern pfiffen. Wobei ich neulich las, dass Dohlen, Stare und Eichelhäher viel besser Laute wie die von Mobiltelefonen imitieren können, aber ich schweife ab.
Wenn man erst einmal vom süßen Nektar des Radiohits gekostet hat, dann kann man nur ganz schwer wieder in die verrauchte Kneipe an der Ecke zurückkehren und am schalen Bier der Generation Rock nippen. Wobei wir bei der ersten Single des Albums „Immer in Bewegung“ aus dem Jahr 2013 angekommen wären:

Alte Freunde wiedertreffen
Nach all' den Jahr'n
Wir hab'n alle viel erlebt
Und sind immer noch da

„Tach, Jungs!“, grüßen die Musiker um den inzwischen zum neuen Sasha gereiften Johannes Strate in die Runde und nehmen am Tresen Platz. Zum reimen jedenfalls bleibt keine Zeit. Obwohl der ganze Text im weiteren Verlauf nach dem einfachen Reimschema a,b,c,b schreit und wohl auch so klingen soll, kriegen die Jungs das erst mal nicht gebacken.
In den Neunzigern waren die Jungs keine 20 Jahre alt. Jetzt, 2013, sind sie so um die 35., haben viel erlebt und sind immer noch da. Wow. Da mach ich mir erst einmal ein Alkoholfreies auf, das hier wird bitter.

In der Kneipe an der Ecke
Uns'rer ersten Bar
Sieht es heute noch so aus
Wie in den Neunzigern

An dieser Stelle empfehle ich, sich einmal den Text von Peter Alexanders „Die kleine Kneipe“ anzusehen. Getextet übrigens von Michael Kunze (rund 80 Goldene- und Platin-Schallplatten) nach einem Lied von Pierre Kartner, auch bekannt als Vader Abraham (128 Goldene Schallplatten als Komponist und 57 Goldene und Diamantene Schallplatten mit seinen Schlümpfen), aber ich schweife ab. Hier wird mit wenigen Worten so viel Atmosphäre erzeugt, man fühlt sich sofort in die Szene hineinversetzt, hat alles als lebendiges Bild vor Augen.
Bei Revolverheld sieht es aus wie in den Neunzigern. Ja, genau. Und wie sahen die aus?
Herausragend übrigens der Versuch das Wort „Bar“ auf genuschelte „Neunzigar(n)“ zu reimen. Nee, wird nie ein Reim.

Manche sind geblieben
Und jeden Abend hier
Meine erste Liebe
Wirkt viel zu fein dafür

Wir erinnern uns: Zwischen den Neunzigern und jetzt sind rund 20 Jahre vergangen. Die Gestalten, die seit dem jeden Abend hier in der Kneipe waren, können einem nur leidtun, aber es wird nicht sozialkritisch, es wird kryptisch. Sitzt die erste Liebe von Sasha Strate auch seit 20 Jahren in der Kneipe (dann gute Nacht) oder ist sie nur heute mal zur Feier des Tages vorbeigekommen und hat den Nerz rausgekramt? Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Dafür gibt es wenigstes den Hauch eines Reims, keinen reinen zwar, aber wir begnügen uns schon mit einem vokalisch unreinen.

Wir sind wirklich so verschieden
Und komm' heut von weit her
Doch uns're Freundschaft ist geblieben
Denn uns verbindet mehr

Ja, verdammt, das kann ja alles sein. Aber was außer Plattitüden und (Achtung: Plattitüde) leeren Worthülsen soll denn das hier? Uns verbindet mehr? Was denn? Die Vorliebe für das Design der Neunziger?
Beim vierten Anlauf hat es endlich mit dem Reim geklappt. Toll.

Ooooooh
Das kann uns keiner nehmen
Ooooooh
Lasst uns die Gläser heben
Ooooooh
Das kann uns keiner nehmen
Die Stadt wird hell und wir trinken auf's Leben

Ohohoho. Das bisschen Nichts von dem ich hier singe kann uns keiner nehmen. Also bechern wir mal mit den Alkoholikern, die hier seit Jahrzehnten am Tresen kleben und obwohl ich einen sauberen dreifach Reim hinbekommen habe, den man ohne Not auch mit Endung singen könnte, lasse ich es klingen wie „nehm“, hem“, „Lem“. Man möchte sich die Kugel gem.

Wir hab'n an jede Wand geschrieben
Dass wir da war'n
Und die Momente sind geblieben
Und sind nicht zu bezahlen

Genau. Für alles andere gibt es Visa Card. Ich muss jetzt mal zum Ende kommen, ich bekomme seltsamerweise einen unstillbaren Durst auf Schnaps.

Jedes Dorf und jeden Tresen
Hab'n wir zusamm' gesehen
Und wenn ich morgen drüber rede
Klingt das nach Spaß am Leben

Was ich immer sage: Saufen ist purer Spaß am Leben. Und natürlich seinen Namen auf die Innenseite einer Klotür schreiben. Ohohoho.

Und in der Kneipe an der Ecke
brennt noch immer das Licht
Wir trinken Schnaps, rauchen Kippen
und verändern uns nicht

Da, wo das Leben noch lebenswert ist, dort, in der Kneipe in unserer Straße, da fragt dich keiner, was du hast oder bist. Ohohoho. Prost.

Fazit: Dümmlicher Text, handwerklich schlampig. Generation Rock schunkelt schnapsselig in den Pop-Himmel. Das kann Euch keiner nehmen.

Sonntag, 6. April 2014

Farid Bang „King & Killa“



Ich hatte schon ein paar Mal mit dem Gedanken gespielt, mir einen Text aus dem Rap-Genre vorzuknöpfen. Beim Lesen der Texte habe ich allerdings schnell die Lust verloren. Nun stolperte ich beim Studium der Deutschen Album Charts der 14. Kalenderwoche 2014 über einen gewissen Farid Bang und sein Album „Killa“, welches nach der Veröffentlichung direkt an die Spitze schoss. Eine kurze Recherche im Internet förderte schnell Basiswissen und das aktuelle Video zum Song „King & Killa“ zu Tage. Kostprobe gefällig?

Wenn ein Türsteher zu mir sagt, ich passe nicht rein
Dann sag ich "Du hast Recht, ich trainier' auf Masse zurzeit"
Habe die Waffe dabei, du siehst in Särgen meine Feinde
Denn ich lege sie um als würde ich Erste Hilfe leisten
Schmerzen kenn' ich keine, du wirst niemals so wie wir
Und fick ich dich, denkst du es wär der Berliner Dom in dir
Du wirst wieder onanieren, ich fick die Hure heut Nacht
Denn ich bin ein Romantiker wie Buchverkäufer

Der erste Impuls ist natürlich, Zeter und Mordio zu schreien und fassungslos den Untergang des Abendlandes zu beweinen. Dass sich diese Zeilen jeder Textbesprechung verweigern, dass hier über Reim oder Metrum zu palavern vergebene Liebesmüh wäre, versteht sich von selbst. Das ist Kot gewordene Sprache. Aber ganz ehrlich? Die interessantere Frage ist doch: Was ist hier eigentlich los? Farid hat über 1,4 Millionen Fans auf „Facebook", seine Videos haben rekordverdächtige Klickzahlen. Schon das Vorgängeralbum aus dem Jahr 2013 „Jung, brutal, gutaussehend 2“ ging auf Platz 1, verkaufte sich über 100.000 Mal. Es ist also eine real existierende Tatsache, dass es einen erheblichen Markt für diesen hochnotpeinlichen Schwachsinn gibt. Erfolg braucht keine intellektuelle Rechtfertigung.
Tabubruch, Gewaltverherrlichung, Sexismus, Wut, maximale Provokation. In einem Interview sagte der Rapper Bass Sultan Hengzt worum es geht: „Ich bin der Krasseste. Der hat Schlampe gesagt? Ich sag fünf mal Schlampe!“ Und so ist es logisch, dass an einem Ende des Spektrums gutbürgerliche weiße Jungs ohne Migrationshintergrund wie die Fantastischen Vier oder Fettes Brot sauberen und unverfänglichen deutschen Sprechgesang fabrizieren, während am anderen Ende die Bushidos, Sidos und Farid Bangs dieser Republik den Laden aufmischen. Sind diese Leute dumm? Ganz sicher nicht. Auf dem Index zu landen ist ein Marketinginstrument. Auf dicke Hose machen ist unverzichtbarer Teil der Stilkultur dieses Genres. Also wird mit knallhartem Kalkül an der Schraube gedreht und man bleibt immer schön in der Rolle, auch wenn man sich manchmal das Grinsen kaum verkneifen kann, wenn man Sachen sagt wie: "Also, in erster Linie ist es nun mal so, dass sich in prominenten Kreisen schon herumgesprochen hat, dass ich einen äußerst ausgeprägten Genitalbereich habe, und ich denke, das ist mit der Grund, warum ich jetzt so erfolgreich bin gerade." Und so kommt langsam Licht ins Dunkel, denn es muss höllisch Spass machen, allen Rettern des wahren, guten Geschmacks (wer zur Hölle legt fest was das sein soll?) den Stinkefinger zu zeigen und meilenweit unter der Gürtellinie zu operieren. Dafür muss man nicht Goethe sein, es verbietet sich sogar von selbst.

Es wäre ziemlich verlogen, wenn man an dieser Stelle nicht auch den Blick auf die eigenen musikalischen Vorlieben richten würde. Im Metal und im Gothic gibt es auch Extreme. Was mag ein Fan von Gangsta-Rap wohl über die poetischen Leistungen der Band Eisregen denken? Das würde mich wirklich mal interessieren.

Es ist so ähnlich wie mit dem Essen. Wenn sich Leute über Haggis oder frittierte Insekten mokieren, dann erinnere ich sie gern daran, dass weite Teile der Weltbevölkerung sich nicht vorstellen können, je ein Brötchen mit rohem Hackepeter vom Schwein zu verzehren.

Fazit: Kalkulierter Tabubruch heißt das Zauberwort und verarscht wird nur, wer sich verarschen lässt.